Die Wiederauferstehung des Sautroges

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Junges Schwein im Stroh

Lebensmittelabfälle hätten wir ‚zum Saufüttern‘. Wir gehen den Gründen dafür nach, warum sie genau dort aktuell nicht landen (dürfen) und werfen einen Blick in die Zukunft des Sautrogs.

Kompliment. Sie haben sich entschieden kurz mit uns in die Abgründe des Sautroges einzutauchen. Und womöglich über seine Wiederkehr nachzudenken. Ein Thema, das auf den ersten Blick vielleicht ungustiös wirkt, tief verborgen aber ein großes Potential für nachhaltige Veränderungen in sich birgt.

2001 war das Schicksalsjahr des Sautroges in Österreich. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit galt der Sautrog als fixe Institution in so ziemlich jeder ländlichen Großfamilie in Österreich. Die Rüssel der Hausschweine wühlten sich genüsslich durch Speisereste und Küchenabfälle. Diesen Schweinekübeln haftete ein unverwechselbares olfaktorisches ‚Aroma‘ an. Den Landeiern unter uns steigt dieser Geruch womöglich unwillkürlich in die Nase, sobald wir auch nur ein Foto von einem Schwein sehen.

Natürlich ist es nicht der Geruch des Sautroges, den wir in unserer Gesellschaft heute vermissen; es geht vielmehr um seine Funktion. Die Rolle, die er als Glied in unserer Ernährungskette jahrhundertelang erfüllt hat. Ein Glied, durch das Reste verwertet und ein Kreislauf geschlossen werden konnte.

Schreckgespenster der Schweinhaltung


2001 wurde dieser Kreislauf wie erwähnt jäh unterbrochen. Weil ein Betrieb unter hygienisch fragwürdigen Umständen Lebensmittelreste verfütterte und dies fatalerweise zum Ausbruch der Maul- und Klauenseuche führte.

Wissenschaftlich ist nachgewiesen, dass die Verfütterung von Lebensmittelresten gesundheitlich unbedenklich für Schweine ist, wenn sie speziell thermisch aufbereitet werden. Auch die Übertragung der Schreckgespenster eines jedes Schweinhalters – Maul- und Klauenseuche und Afrikanische Schweinpest – wird dadurch zuverlässig verunmöglicht. Technisch wäre hier also viel möglich.

Trotzdem entschied sich die EU in der Folge des Ausbruchs reflexartig dafür, den Schweinen per Verordnung die ‚Hausmannskost‘ vom Speiseplan zu streichen. Seither wird in Europa nur noch ein Teil der Lebensmittelreste – Brot und Getreideprodukte – an Nutztiere verfüttert (5 Mio. Tonnen pro Jahr). Wären die gesetzlichen Bestimmungen weniger straff, wäre fast das Dreifache möglich (14 Mio. Tonnen pro Jahr).

Auch die Nachwehen des Verfütterungsverbots lassen vermuten, dass hier womöglich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Die Schweinhaltung wurde dadurch teurer. Im kleinen Stil Schweine zu halten wurde noch unpopulärer. Seit dem Jahr 1995 haben durchschnittlich 4 von 5 Schweinhaltern in Österreich das Handtuch geworfen. Die verbleibenden Betriebe halten dafür umso mehr Tiere.

Der Import von Gen-Soja in den letzten 20 Jahren massiv an. Seither treten Schweine auch dadurch, dass sie „nur“ noch mit Soja und Getreide gemästet werden, in eine noch stärkere Nahrungskonkurrenz zu uns Menschen.

Was wäre möglich, wenn…?

Dass die Verwertung von Lebensmittelabfällen als Futter für omnivore Tiere (Schweine, Hühner) ökologisch wie finanziell sinnvoll ist, und außerdem gesundheitlich unbedenklich ist, haben andere Länder längst erkannt. In Japan wird ein großer Teil der Lebensmittelabfälle thermisch aufbereitet und verfüttert . So werden beispielsweise 52% der Reste aus der japanischen Lebensmittelindustrie verwertet.

Was wäre möglich, wenn wir Gedanken abseits des aktuellen gesetzlichen Rahmens zulassen? Eine Studie der Universität Cambridge kommt zum Schluss, dass die Lockerung der EU-Verordnung und das damit verbundene Verfüttern von Lebensmittelresten an Schweine einen großen Hebel in Bewegung setzen könnte: dadurch, dass wesentlich weniger Futtermittel für Schweine angebaut werden müssten, könnten allein in Europa 20.000 km² Ackerland frei für andere, nachhaltigere Nutzungen werden.

Schweinische Zukunftsmusik

Stimmen, die metaphorisch gesprochen eine ‚Wiederauferstehung des Sautrogs‘ herbeiwünschen, werden lauter. In England hat sich zu diesem Zweck die Bewegung „The pig idea“ gegründet , die – vor allem aus ökologischen Gründen – Stimmung für Aufweichung der Gesetzeslage macht. Das Prinzip sei einfach: man müsse Anreize für eine ‚Hierarchie der Lebensmittelverwendung‘ schaffen. In erster Linie müssen Lebensmittelabfälle vermieden werden. In zweiter Linie Reste mit anderen Menschen geteilt werden. In dritter Linie sollten Reste, die Menschen nicht mehr essen können, wieder an Tiere verfüttert werden. Und der letzte kleine Rest? Wird kompostiert.

Womit die Redewendung „zum Saufüttern“ zukünftig eine völlig neue Bedeutung bekäme: dann wäre damit nicht mehr das „viel zu viel“ gemeint (die Produktion von Lebensmittelabfällen in rauen Mengen), sondern die sinnvolle Verwendung des unvermeidbaren Restes im wahrsten Sinne des Wortes: zum Saufüttern.

 

Portrait einer rothaarigen hübsche FrauÜber die Autorin

Dr. Sybille Chiari ist Expertin für Nachhaltigkeit und Klimawandel. In der Werner Lampert GmbH ist sie mit den Themen Nachhaltigkeits- und Klimakommunikation betraut und Teil Redaktionsteam des Online-Magazins „Nachhaltigkeit. Neu denken.“ Zuvor koordinierte Sie mehrere internationale Forschungsprojekte in diesem Themenbereich. Sie ist Teil der Bewegung Scientists for Future und privat Obfrau des Vereins Bele Co-Housing, der ein klimafreundliches Gemeinschaftswohnprojekt mit biologischer, regenerativer Landwirtschaft in Oberösterreich betreibt (www.belehof.at).

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