„Slow music“: echte Zukunftsmusik

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Wir machen uns auf die Spur von erfolgreichen Musiker*innen, die ihre Konzerttouren neuerdings segelnd oder per Rad bestreiten. „Slow music“ heißt die neue Bewegung: einen Gegenentwurf zur kommerzialisierten Musikindustrie.

Vom rasenden Tempo der letzten Jahrzehnte rauscht so manchem noch der Kopf. Was wir hinter uns haben wird in Fachkreisen die „große Beschleunigung“ (great acceleration) genannt. Gemeint ist ein rapider Anstieg von so ziemlich allem: des Ressourcenverbrauchs, der Erdbevölkerung, der Umweltzerstörung, des CO2-Anstiegs etc. Höher, schneller weiter, wohin der Blick auch schweift? Nicht ganz. In so mancher Nische unserer Gesellschaft bahnt sich ein anderes Phänomen seinen Weg: die Entdeckung der Langsamkeit.

‚Slow food‘ kennen wir mittlerweile und auch ‚Slow travel‘ hat durch Greta Thunberg ein prominentes Gesicht bekommen. Mit der „Slow music“ Bewegung steht jetzt die nächste Kulturrevolution in den Startlöchern. Es geht auch hier darum, Tempo aus unserem hektischen Sein zu nehmen und wieder mehr Verbindung zu schaffen: zur Musik, zur Umwelt, zu anderen und zu uns selbst. Slow-Musiker*innen schaffen wohltuende Klangoasen inmitten des lauten und grellen Info-Bombardements unserer Zeit.

Es geht aber auch um ein Zeichen gegen Kommerzialisierung und Monopolisierung durch einige wenige Musik-Großkonzerne. Auf der Website der Bewegung erklärt man es so: „Wir wollen Musik, die von Herzen kommt und mit Liebe gemacht wird. Und die nicht des Geldes wegen oder für bonus-hungrige Vorstände von Großkonzernen produziert wird.“

Musik im Wandel: die slow music Bewegung

Leah Song, Sängerin der amerikanischen Band „Rising Appalachia“, gilt als Mitbegründerin der Bewegung. Die meisten Songs der Band erzählen inspirierende Geschichten des Wandels, der Resilienz, der Heilung und der Magie des Umdenkens.

In Leah Songs Vision (siehe Ted talk) ist die Musikszene nicht nur unabhängig und vielfältig, sondern eben auch nachhaltig. Was es dafür braucht? Quasi eine Art „Bio-Segment“ der Musikbranche.

Setzt die Segel

Für Leah Song und ihre Schwester Chloe bedeutet das ein Umdenken auf allen Ebenen. Für die nächste Konzerttour (Juni 2021) segeln die Schwestern an der Ostküste Amerikas entlang, spielen an ausgewählten Orten im überschaubaren Rahmen, um mit dem Publikum wirklich in Austausch zu treten. Bei den Konzerten wird regionales Essen und Trinken angeboten. Oft nutzen sie ihre Konzerte auch, um lokale Initiativen des Wandels bekannt zu machen und zu vernetzen, z.B. indem sie ein Kontingent an Gratis-Tickets an Vertreter*innen von sozialen und Umweltorganisationen vergeben.

Entschleunigte Konzerttour…per Rad

Zugegeben, das Segelboot fällt als Konzert-Tour-Option hierzulande definitiv flach. Wie eine Slow-Music-Konzerttour in Österreich aussieht, macht Hang-Perkussionist Manu Delago vor. Auf seiner Recyclingtour 2021 strampelt er aktuell mit seiner Band quer durch ganz Österreich. Instrumente und Ausrüstung sind in Fahrradanhängern verstaut. Die Anhänger liefern – mit Solarpanelen bestückt – auch den Strom für die Konzerte. Ihre Regenjacken sind aus recyceltem Plastik. Die Jausenboxen lassen sich die Musiker auf der Strecke immer wieder von kulinarisch begnadeten Unterstützer*innen entlang der Strecke anfüllen, um Verpackungsmüll zu sparen. Überflüssig zu erwähnen, dass auch die Wäsche nur dort gewaschen wird, wo erneuerbare Energie zur Verfügung steht.

Der Sound der Entschleuningung

Was wir essen, können wir meist beeinflussen. Was wir hören oft weniger. Die kolumbianische Komponistin Natalia Domínguez Rangel möchte mit ihren Kompositionen Achtsamkeit für den Einfluss von Klängen und Tönen auf uns schaffen. Sie nutzte daher die Ruhe des ersten Lockdowns im März 2020 um Klangkulissen von sonst stark frequentierten Wiener Plätzen einzufangen. Die Klangwolken, die sie daraus webt, rütteln einiges an akustischer Erinnerung wach, schüren gleichzeitig aber auch neue Sehnsüchte nach dauerhaft entschleunigten Plätzen.

Langsam, aber kein bisschen leise

‚Slow music‘ hat also nichts mit Eintönigkeit oder eingeschlafenen Gesichtern zu tun. Im Gegenteil. Hier scharrt womöglich ein zugstarkes Pferd des Wandels mit den Hufen. Etliche Vordenker*innen und Nachhaltigkeitsexpert*innen halten die Kulturszene als – bislang viel zu wenig beachtete – Drehscheibe der großen Transformation. Als katalytischen Ort, wo die Wende in Richtung Nachhaltigkeit Fahrt aufnehmen wird. Die Pionier*innen der ‚slow music‘-Szene machen eines klar:  langsam sein bedeutet nicht leise sein. Und auch nicht vor Herausforderungen und widrigen Umständen zu kuschen. Eher, um es mit den Worten von Rising appalachia zu sagen: „Step up, speak out, show up, be lou-ou-ou-oud!“.

Wir haben eine Spotify Playlist (Songs for change) mit Liedern des Wandels zusammengestellt – viel Spaß beim Reinhören!

Portrait einer rothaarigen hübsche FrauÜber die Autorin

Dr. Sybille Chiari ist Teil des Redaktionsteams von „Nachhaltigkeit. Neu denken“ und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Nachhaltigkeits- und Klimakommunikation – forschend und schreibend. Sie ist Teil der Bewegung Scientists for Future und Obfrau des Vereins Bele Co-Housing (Gemeinschaftswohnprojekt mit biologischer, regenerativer Landwirtschaft www.belehof.at).

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