Im Zweifel, für die Freiheit

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Mann mit Brille und Ohrringen lächelt

Der Nachhaltigkeitsforscher und Autor Fred Luks ist bekannt für seinen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft. Wir luden ihn zum Interview und starteten dieses mit einem kleinen virtuellen Rundgang. Zur Einstimmung auf das Gespräch schauten wir, welche Bilder in sozialen Medienkanälen mit dem Begriff #Freiheitsgefühl in Verbindung gebracht werden.

Welche Eindrücke haben Sie aus unserem Rundgang mitgenommen?

Wenig überraschend kommen Bilder rund um das Thema Mobilität stark vor, z.B. Motorräder, Wohnmobile, Autos. Die Assoziation, dass man sein kann, wo man möchte. Lustig fand ich auf Facebook, dass jemand mit 37 Jahren den Führerschein macht, und sagt: „Jetzt fängt die Freiheit an“. Als zweites Thema: Konsum und auch Reichtum als Ausdruck von Freiheit. Man kann Urlaub machen, sich etwas zulegen. Dieses Expansive ist tief eingeschrieben in die Geschichte des Westens.

Was aber auch bemerkenswert ist: In den Bildern kommt auch die Natur recht oft vor. Quasi als Gegenmodel zu Konsum, Reichtum und Autos. Natur hat also auch etwas mit Freiheit zu tun.

Viele Menschen haben das Gefühl Freiheiten und Wohlstand an die Nachhaltigkeit zu verlieren. Bremst diese Verlustangst die Transformation aus?

In der Nachhaltigkeitsszene gibt es bisweilen etwas leicht Herablassendes gegenüber den Nicht-Nachhaltigkeits-Bewegten, die nicht verstehen, warum man nicht mit dem Jet nach Mallorca fliegen oder mit dem Auto durch die Gegend fahren soll. Da steckt viel Konflikt drin. Und es braucht ein Interesse daran, auch diese Seite zu verstehen (siehe Artikel). Denn was man nicht versteht, kann man auch nicht verändern.

Gleichzeitig haben Menschen, die Verbrennungsmotoren zusammenbauen, Recht, wenn sie Verlustangst spüren. Regionen, die von Kohleabbau oder Automobilproduktion abhängig sind, stehen natürlich vor unglaublichen Herausforderungen. Als zentraler Begriff kristallisiert sich in der Diskussion und auf EU-Ebene gerade das Gestalten eines gerechten Übergangs (‚just transition‘) heraus. Ich finde es ist eine bessere Strategie aktiv etwas zu gestalten, als zu sagen: „Pech gehabt, das Klima diktiert uns, was zu tun ist.“

Dem Gefühl des diffusen Verlustes steht ja auch der aktive Verzicht gegenüber. Ein weiteres „Unwort“ in der Diskussion um mehr Nachhaltigkeit?

Zum Verzicht: Ich glaube es ist relativ klar, dass alle Menschen in den reichen Ländern ihren Konsum einschränken müssen. Mit Verzichtsrhetorik werden wir aber niemanden von der Nachhaltigkeit überzeugen. Es ist eine Frage des ‚Framings‘ – in welchen Rahmen packen wir diese Begriffe?

Verzicht ist auch eine Frage der Perspektive. Und natürlich gibt es eine untere Schwelle, wo Verzicht brutal wird. Aber ich glaube sehr oft, wenn wir Verzicht thematisieren, ist das ganz stark eine Frage der Interpretation. Und des Lernens.

Die Nachhaltigkeitsszene ist ein bisschen naiv mit dem Verzichtsbegriff umgegangen. Und hat es dadurch auch Leuten leichtgemacht, die eigentlich nicht mitmachen wollen. Die haben – teilweise nicht zu Unrecht – gesagt: Ihr seid spaßbefreit. Diese negative Haltung zu durchbrechen, ist eine zentrale Herausforderung. Dabei geht es auch darum, Fülle zu sehen und nicht nur Knappheit.

An welchen Stellschrauben könnte man Ihrer Ansicht nach also drehen?

Viel von der Freiheitsproblematik wäre gelöst, wenn wir die Rahmenbedingungen unter denen wir leben, konsumieren und arbeiten, ändern. Dann hat man schon einen wichtigen Teil dieser Freiheitsproblematik gelöst. Es gibt ja diesen schönen Spruch von Ernst Ulrich von Weizäcker: „Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen“. Umweltschädliche Dinge werden dann teurer. Ich denke, wenn man das ernsthaft betreiben würde, ist das wesentlich weniger freiheitseinschränkend als eine Politik, die auf Verbote setzt.

Wobei man bei bestimmten Dingen schon drüber nachdenken muss, wie man sie aus der Welt schafft. Drogen und Waffen sind auch extrem limitiert, weil man erkannt hat, dass es gesellschaftlich problematisch ist, wenn Leute Drogen nehmen oder mit einer Knarre herumlaufen, wie in Amerika.

Heißt das, den Rahmen klar abstecken und dann: runter vom Moral-Pedal?

Wenn ich eine ökologische Steuerreform mache, ist das demokratisch legitimiert, weil es demokratisch zustande gekommen ist. Und es hat überhaupt nichts Moralisches. Für den öffentlichen Diskurs ist es gut sagen zu können: Das ist eine ökonomische, politische Realität. Wir haben das Problem. Wir haben das Pariser Klimaschutzabkommen und das 1,5° Ziel. Dafür müssen wir das und das tun.

Inwiefern hat das Weltretten durch freiwilligen Verzicht im Privaten für Sie Sinn?

In seinem Buch ‚Ende der Illusion‘ warnt der deutsche Nachhaltigkeitsforscher Armin Grundwald vor der ‚Privatisierung der Nachhaltigkeit‘. Die Illusion wäre, dass die Verantwortung dafür, die Welt zu retten, auf den Schultern der Individuen liegt.

Mit Moral auf Einzelhandlungen zuzugreifen, löst das Problem nicht. Wir brauchen als Gesellschaft ein neues Wohlstandsmodell. Auch wenn es paradox klingt: Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, wo die Menschen keine unvernünftigen Dinge machen dürfen. Ich halte es für zentral, den Leuten die Unvernunft nicht austreiben zu wollen. Ich hätte gerne, dass Anreize und geänderte Rahmenbedingungen tolle Beispiele hervorbringen. Und, dass wir es schaffen, mit positiven Beispielen, dem Vorleben von neuen Modellen und dem Darüber-Reden einen Lernprozess zu initiieren, wo ein Kulturwandel in Richtung Nachhaltigkeit stattfindet. Wo die Leute sagen: „Eigentlich ist es ja eh cool.“

Womit Sie sehr stark auf Freiheit, Einsicht und Nachahmung setzen?

Ich werde immer sehr vorsichtig und aufmerksam, wenn es darum geht, die Freiheit einzuschränken. Kommt man an einen Punkt, an dem man sich entscheiden muss zwischen Freiheit und Nachhaltigkeit, hätte ich immer die Tendenz, im Zweifel für die Freiheit zu sein. Wissend, dass die Freiheit herzlich wenig wert sein wird, wenn wir die Nachhaltigkeitstransformation nicht schaffen. Was helfen uns die jetzigen Freiheiten, wenn Leute in 100 Jahren unter katastrophalen Bedingungen leben, wo Ökodiktatoren die Welt regieren?

Hans Jonas beschreibt sehr gut diese „Zweideutigkeit“ der Freiheit. Und auch der Soziologe Ingolfur Blühdorn hält die Nicht-Nachhaltigkeit deshalb für so unglaublich stabil, weil wir unsere Freiheit, unseren Lebensstil und unsere Werte verteidigen. Was auch im polarisierten Amerika sichtbar wird: Leute verteidigen ihren Lebensstil (verweist auf Zeitungsartikel). Zugespitzt: Die Rednecks in New Mexico mit ihren Knarren auf dem Pickup. Man kann natürlich drüber lächeln. Aber ich sage immer: Nachhaltigkeit ist Kulturarbeit. Diesen kulturellen Aspekt verstehen zu wollen, ist wirklich wichtig.

Inwiefern ist dieser Kulturwandel im Gang?

Ich fasse es oft so zusammen: Die Generation Greta steht vor der Tür. Vor zwei Jahren haben wir alle gejammert, die Jugend wäre so unpolitisch und die machen nichts. Und plötzlich sind sie zu Hunderttausenden etwas, was viele Erwachsenen nicht tun: Sie nutzen ihre politische Freiheit, die Meinungsfreiheit dazu, die Welt zu verändern.

Alle an Nachhaltigkeit interessierten müssen ihnen unglaublich dankbar sein, für das, was sie losgetreten haben. Und in meinem Buch geht es ja auch um Wunder. Für mich ist das ein politisches Wunder. Die Jugend stellt die Agenda auf. Sie nutzen ihre Freiheit.

Wodurch auch der Elterngeneration dämmert: So geht das nicht weiter. Das Gefühl ist durch Corona nochmal befeuert worden. Es gibt einen gewissen Drall in eine Richtung, die für die Nachhaltigkeit sehr gut sein könnte. Ohne, dass man dabei die Freiheit einschränkt. Sondern indem eine Generation kommt, die sagt: „So wollt ihr leben? Das geht nicht.“

Pandemiebedingt sind die Themen ‚Freiheit‘ und ‚Einschränkungen‘ heißere Eisen als je zuvor. Schadet das der Nachhaltigkeitsdebatte?

Für viele Leute war die Pandemie wirtschaftlich katastrophal, aber natürlich gibt es auch einen Moment des Erkenntnisgewinns. Viele hat die Entschleunigungserfahrung der Krise zum Nachdenken gebracht und gezeigt, dass es eigentlich auch mit weniger geht.

Trotzdem gibt es das große Risiko, dass Leute aus der Klimaecke sagen: Die Politik kann auf die Wissenschaft hören und es geht ja mit den Einschränkungen. Das halte ich für fatal. Ich finde die Einschränkungen – trotz der Notwendigkeit –schrecklich.

Daraus zu schließen, dass man mit Blick auf die Klimakrise solche massiven Einschränkungen machen kann, halte ich für ein Katastrophenprogramm. Die Corona-Krise ist in absehbarer Zeit vorbei. Die Klimakrise ist ein Langfristprojekt. Und wer will bitte diese Einschränkungen, die wir jetzt haben, auf Dauer stellen? Das kann man nicht wirklich wollen. Und ich finde es wichtig, dass die Nachhaltigkeitscommunity hier nicht naiv ist.

Und wie geht es dann weiter, nach Corona? Steht ein historisches Umdenken vor der Tür?

Mein Eindruck ist, dass diese Corona-Katastrophe eine Unterbrechung war, aber keine nachhaltige Unterbrechung. Die Pandemie hat weiter zum Gefühl beigetragen, dass mit unserer – wie Ulrich Brand sie nennt – imperialen Lebensweise irgendetwas nicht stimmt. Wir haben auch gesehen, wie empfindlich unser Gemeinwesen ist. Wie schief das plötzlich gehen kann.

Und wir reden von einer Situation, die später in den Geschichtsbüchern stehen wird. Wie auch immer die Leute dieses Jahr später nennen werden: Das ist ein Bruchpunkt. Diese Empfindlichkeit, diese Resilienzorientierung. Da ist Bewegung entstanden, die positiv sein kann für die Nachhaltigkeit.

Ich orte deutlich, dass die Nachhaltigkeit auch im Unternehmensbereich, bei Banken, Versicherungen und anderen Sektoren wichtiger geworden ist in diesem Jahr. Viele versuchen Nachhaltigkeit wirtschaftlich zu nutzen. Das ist – trotz Greenwashing-Gefahr – natürlich gut für die Sache. Es ist Teil einer positiven Dynamik.

Ich habe neulich gesagt: 2021 wird das Jahr der Nachhaltigkeit. Es gibt diesen Hoffnungsschimmer, dass Nachhaltigkeit und insbesondere der Klimaschutz wieder ganz oben auf der Agenda stehen werden.

Über Fred Luks

Mann mit Brille und Ohrringen lächelt

FredL uks ©Christina Haeusler

Fred Luks ist Forscher, Publizist, Redner und Moderator. Er beschäftigt sich seit Langem in Forschung, Lehre und Management mit Zukunftsfragen. Zu seinen beruflichen Stationen gehören die Leitung eines Forschungsprojekts, eine Gastprofessur an der Universität Hamburg, die Tätigkeit als Nachhaltigkeitsmanager sowie die Leitung des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Fred Luks: Hoffnung – Über Wandel, Wissen und politische Wunder, Metropolis Verlag, 2020

 

Quelle: Interview mit Fred Luks am 11.11.2020

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