Die halbe Erde unter Schutz? Faktencheck zu einer Utopie, die schon bald wahr werden könnte.

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Fifty-fifty: die Devise zur Friedensstiftung unter Geschwistern und Freunden. Womöglich hat das „Teilen müssen“ nicht immer unserem individuellen Wunsch frei zu entscheiden entsprochen. Trotzdem gilt fifty-fifty als Ausdruck für Gerechtigkeit und Fairness. Neuerdings schleicht sich der Gedanke aber auch anderenorts ein: in die relativ verkorkste Mensch-Umwelt-Beziehung. Und wirft die Frage auf, wie gut wir mit unserer Umwelt teilen können?

In Weltretter-Kreisen hat sich der Fifty-fifty-Gedanke in einen ambitionierten Plan gegen Klimakrise, Artensterben & Co gewandelt. Das Schlagwort „Half Earth“ beschreibt die Idee, mit dem Planeten fair zu teilen. Und dabei die Hälfte des Planeten unter Schutz zu stellen.
Was natürlich mancherorts für Schnappatmung sorgt. Vor allem, da aktuell nur ca. 10 Prozent des Planeten unter Schutz stehen. Ist es realistisch diese Fläche in kurzer Zeit zu verfünffachen? Bringt das wirklich etwas? Was passiert mit den Menschen, die in diesen Gebieten leben?
Ein kurzer Faktencheck:

Wer und was steckt hinter dieser Idee?

Die ‚Half-Earth‘ Idee hat sich rund um den emeritierten Harvard-Professor Edward O. Wilson entwickelt (Buch ‚Half Earth‘). Sie wurde in der Folge von Ricken Patel, dem Gründer der Plattform Avaaz für globalen Online-Aktivismus als Kampagne aufgegriffen. Mittlerweile haben internationale Forscherteams ebenso greifbare, wie fundierte Vorschläge zur Umsetzung und Wirkung auf den Tisch gelegt (‚Global Safety Net‘). Und nicht zuletzt wird auch auf UN-Ebene heiß über eine massive Ausweitung der globalen Schutzgebiete verhandelt.

Von welcher Hälfte ist die Rede?

‚Hälfte‘ mag auf den ersten Blick missverständlich klingen. Natürlich geht es weder um Nord-oder Südhalbkugel. Vielmehr geht es um ein globales Netz von Schutzgebieten. Womit man gleich bei einem zentralen Knackpunkt der Idee landet: welche Gebiete sind geeignet?
Das „Global safety network“ (globales Sicherheitsnetz) lässt uns diesbezüglich die Schuppen von den Augen fallen. Anschaulich und punktgenau können wir uns ein Bild davon machen, wo diese Schutzgebiete liegen müssten.

Übersicht über die vorgeschlagenen Schutzgebiete des Global Safety Network

Ein ‚globales Sicherheitsnetz‘ von Schutzgebieten in allen Erdteilen soll den Verlust der Artenvielfalt und den Klimawandel aufhalten. (Quelle: https://www.globalsafetynet.app/science/)

Fixstarter für das ‚Sicherheitsnetz‘ wären die „Superspreader der Biodiversität“: die letzten großen, intakten Ökosysteme und Wildnisgebiete (tropische Wälder, Küstenzonen, Deltas, Feuchtgebiete etc.).
Weiter geht es mit Gebieten, in denen besonders seltene Arten leben. Und dann dürfen auch die Top-Manager unserer Ökosysteme nicht vergessen werden: große Säugetiere, welchen als oberstes Glied der Nahrungskette, als grasende Landschaftsgärtner oder Nährstofflieferanten, eine Schlüsselfunktion zukommt. Und wir fangen ja auch nicht bei Null an. Auch die bestehenden 10 Prozent an Schutzgebieten sind freilich ebenfalls mit von der Partie.

Was bringt das?

Würden auf diese Weise 50 Prozent unseres Planeten unter Schutz gestellt, könnte ein weiteres Artensterben aufgehalten bzw. umgekehrt werden. Laut E.O. Wilson würden dadurch 85 Prozent der Arten gerettet werden, was inmitten des 6. Massenaussterbens nahezu überraschend positive Neuigkeiten wären.

Abbildung: 85% der Arten könnte durch Half Earth Idee überleben

85% der Artenvielfalt könnte durch die Umsetzung der Half Earth Idee bewahrt werden

Aber auch in Sachen Klimastabilisierung käme man einen großen Schritt weiter. Durch die globalen Schutzgebiete könnte die schwindelerregende Menge Kohlenstoff von 2.000.000 Megatonnen gespeichert werden.
Der Effekt könnte zusätzlich verstärkt werden, würden auch degradierte Gebiete mit an Bord geholt, und in regenerierte Schutzgebiete umgewandelt. So zeigt ein Wiederbewaldungsprojekt in der Ökoregion Nepal, dass durch eine Verdoppelung der Waldfläche in 24 Jahren, die Menge des gebundenen Kohlenstoffs mehr als verdoppelt werden konnte (von 213 auf 502 Megatonnen).
Vor diesem Hintergrund ist das, für Wissenschaftler unübliche Pathos der Global-Safety-Net-Begründers Eric Dinerstein verständlich: es ginge bei der Idee um nichts Geringeres als eine handfeste Vorlage zur Rettung des Lebens auf dem Planeten Erde.

Bye, bye Bodenschätze?

Rettung hin oder her: würde uns durch diesen verwegenen Plan nicht eine Unmenge an Bodenschätzen und Ressourcen durch die Lappen gehen? Natürlich lässt sich mit noch nicht gehobenen Bodenschätzen Geld verdienen. Diesem einmaligen Gewinn steht jedoch ein viel beständigerer ökonomischer Wert gegenüber, der oft übersehen wird: ‚Dienstleistungen‘, welche Ökosysteme für uns Menschen bereitstellen.
Übersehen wird dieser ‚Wert‘ vor allem deshalb, weil Pflanzen gratis Staub und Schadstoffe aus der Luft filtern, der Biofilm in Flüssen eine Gratis-Kläranlage der Natur bietet, Insekten gratis unsere Obst- und Gemüsepflanzen befruchten, intakte Böden gratis Kohlenstoff speichern etc.
Würde die Natur uns für diesen Service eine Rechnung stellen, müssten wir 44 Trillionen $ berappen. Das ist mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsproduktes. Dass diese ‚Dienstleistungen‘ gratis, aber nicht umsonst sind, wird uns von Jahr zu Jahr bewusster. Vor allem, da wir für Umwelt- und Klimaschäden immer tiefer in Geldbörsen und Staatskassen greifen müssen.

Was passiert mit den Menschen?

Ohne Frage werden die zu schützenden Gebiete auch weiterhin Lebensraum für dort lebende Menschen sein. Auch in bestehende landwirtschaftliche Flächen würde nicht eingegriffen werden. Dass eine nachhaltige Lebensweise auch in Schutzgebieten möglich ist, zeigen Beispiele in etlichen Biodiversitätshotspots weltweit, die seit langem achtsam von Menschen bewohnt und bewahrt werden.
So würde ein Drittel des vorgeschlagenen Schutzgebietsnetzes mit Gebieten überlappen, die mit Landrechten indigener Völker oder deren Lebensraum in Verbindung stehen. Die Idee der Unterschutzstellung könnte ihnen helfen ihren Lebensraum und ihre Lebensweise zu erhalten und ihre rechtliche Position zu stärken.

Trotzdem: sind die Hausaufgaben nicht ungerecht verteilt?

Tatsache ist: Schlüssel-Ökoregionen (z.B. tropische Regenwälder, Taiga und Tundra) tragen überproportional viel Verantwortung zur Lösung des Problems. Sie müssten vergleichsweise mehr Schutzflächen bereitstellen als von Natur aus artenärmere Ökoregionen (wie z.B. Mitteleuropa).
Dass dies aber kein Nachteil sein muss, zeigt zum Beispiel eine Studie, die soziale und ökonomische Effekte von Schutzgebieten beleuchtet. Die untersuchten Schutzgebiete im globalen Süden zeigen, dass der Wohlstand in der Nähe von Schutzgebieten nachweislich größer ist. Unabhängig davon, ob Schutzgebiete touristisch genutzt werden oder nicht. Kinder sind nachweislich gesünder, wenn sie in unmittelbarer Nähe von Schutzgebieten aufwachsen.

Kann aus dieser Utopie Realität werden?

All diese Ansätze klopfen mit einer gemeinsamen Botschaft an unsere Tür: die Zeit für radikale Großzügigkeit ist angebrochen. Wenn wir dem größten Artensterben in der Geschichte der Menschheit wirklich etwas entgegen setzen wollen, braucht es ein Umdenken in Richtung „Nature first“. Und es gibt berechtigten Anlass zur Hoffnung.
2021 könnte beim – womöglich historischen – Biodiversitätsgipfel in der chinesischen Stadt des Frühlings, Kunming, ein wissenschaftsbasierter „Global Deal for Nature“ von der Staatengemeinschaft beschlossen werden. Was bedeuten würde, dass in den nächsten 9 Jahren 30 Prozent der Erde unter Schutz gestellt, und weitere 20 Prozent als „Klimastabilisationszonen“ ausgewiesen würden.
Was wir dazu beitragen können? Zum Beispiel den bislang ambitioniertesten Plan zur Rettung der Vielfalt mit unserer Unterschrift unterstützen. Um dann, einen hoffnungsvollen Blick auf China zu richten.

 

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Portrait einer rothaarigen hübsche FrauÜber die Autorin

Dr. Sybille Chiari ist Teil des Redaktionsteams von „Nachhaltigkeit. Neu denken“ und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Nachhaltigkeits- und Klimakommunikation – forschend und schreibend. Sie ist Teil der Bewegung Scientists for Future und Obfrau des Vereins Bele Co-Housing (Gemeinschaftswohnprojekt mit biologischer, regenerativer Landwirtschaft www.belehof.at).

 

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