Der Respekt wächst mit den Pflanzen

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Kurzhaarige Frau mit schwarzer Brille steht in dichten grünen Pflanzen

Jeder Garten kann ein Paradies sein und mit jeder selbstgezogenen Pflanze wächst der Respekt gegenüber Bauern, deren harter Arbeit und gegenüber Lebensmitteln. Lassen Sie sich von Andrea Heistinger, die Expertin für biologisches Gärtnern im deutschsprachigen Raum, inspirieren und entdecken Sie das Potential von Flächen unter freiem Himmel.

Frau Heistinger, heute sind Sie vielfache Autorin von Pflanz- und Gartenbüchern. Wie kamen Sie selbst auf die Pflanzen bzw. Landwirtschaft?

Ein bisschen sind die Pflanzen zu mir gekommen! Mein Bezug zur Landwirtschaft kam sicher vom Betrieb meiner Großeltern im Salzkammergut, in Folge habe ich dann Landwirtschaft und Gartenbau studiert. Hier wurden Pflanzen sehr produktionstechnisch vermittelt, als Maschinen verstanden. Ich hatte das große Glück, relativ früh im Studium dem leider schon verstorbenen Edwin Scheller zu begegnen, ein biologisch-dynamischer Forscher, der sich mit Bodenleben und Bodenfruchtbarkeit auseinandersetzte. Von ihm hörte ich das erste Mal, dass Pflanzen z.B. Nährstoffe auch aktiv aus dem Boden mobilisieren können. Plötzlich begriff ich Pflanzen als aktive Lebewesen, das war ein faszinierender Zugang für mich. Nach dem Studium bin ich über meine Bücher und die damit verbundenen Recherchen immer tiefer in die Materie eingedrungen.

Garteln wird bei Städtern immer beliebter, Urban Gardening ist Trend. Wie sehen Sie diese Entwicklung, bleibt es beim Trend, oder wird es eine echte Bewegung und zusätzliche Versorgungsquelle?

Grundsätzlich müssen wir das realistisch sehen, denn wenn man einen kleinen Balkon in der Stadt zur Verfügung hat, kann man sich schon sehr glücklich schätzen, wenn es dann sogar eine Terrasse oder ein sonniger Hinterhof mit Pflanzmöglichkeit ist umso mehr. Pro Quadratmeter kann man etwa 3 kg Bio-Gemüse ernten, somit ist es eher eine kleine und zusätzliche Versorgungsquelle. Aber für mich haben diese Gärten eine ganz andere Funktion, nämlich einen Bezug zum Lebendigen zu bekommen. Bereits an einer einzigen Tomatenpflanze kann ich unmittelbar erleben, was es braucht, damit eine Pflanze gedeiht.

Denken Sie also, ist dieser Trend eine Möglichkeit dazu, dass die Menschen wieder bewusster mit Lebensmitteln umgehen?

Ja, sicherlich! Als der Trend vor einigen Jahren begann, äußerten sich einige Bio-Bäuerinnen besorgt, weil sie um Ihre Absatzmöglichkeiten fürchteten, aber schon damals glaubte ich das nicht. Denn wer einmal bewusst miterlebt hat, welche Arbeit dahinter steckt, wie viel Ressourcen, Zuwendung, Zeit, wie viel Wasser es braucht, damit eine Pflanze nicht nur schön aussieht, sondern auch ertragreich ist, bei dem wächst auch der Respekt vor der bäuerlichen Arbeit. Der Respekt wächst mit den Pflanzen! Diese Menschen wundern sich im Geschäft auch nicht mehr, warum 1 kg Bio-Fisolen kostet, was es kostet.

Da wächst sicher auch der Respekt den Lebensmitteln gegenüber und es wird weniger weggeschmissen.

Ja, man wird erfinderisch, um auch noch die grünen Tomaten zu verwerten, weiß, dass man auch die überreifen Gurken noch zu Delikatessen verarbeiten kann.

Kurzhaarige Frau mit schwarzer Brille sitzt an Tisch und sprichtIst es wichtig biologisch gezogene Pflanzen einzusetzen? Wenn ich in meinem Garten nachher auf eine biologische Wirtschaftsweise achte, wären doch konventionelle Pflanzen auch ok.

Auf alle Fälle ist es wichtig, samenfeste Sorten zu nutzen und keine Hybride. Bei Gärten auf kleinem Raum ist die gesellschaftspolitische Dimension vielleicht sogar wichtiger, denn wie bereits angesprochen sind sie versorgungstechnisch eher nur als zusätzliches Naschgemüse zu sehen. Aber nur die samenfesten Sorten sichern langfristig unsere Ernährungssouveränität.

Denn nur aus samenfesten Sorten kann wieder eine neue Vielfalt entstehen, die sich den zukünftigen Umweltbedingungen, wie auch immer sie sein werden, anpassen können.

Das ist der entscheidende Punkt: Es geht um Anpassungsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit der Sorten, es geht um Lebendigkeit dieser Sorten.

Haben Kleinstflächen wie Gärten und Balkone tatsächlich das Potential Sorten zu bewahren?

Drei Pflanzen auf meinem Balkon hören sich wenig an, aber durch den Kauf samenfester Sorten unterstützen Sie die Initiativen und Firmen im deutschsprachigen Raum oder Europa, die in Folge Sorten für den Erwerbsgemüsebau erhalten und züchten können.

Und ein wichtiger Aspekt ist auch: Zur Erhaltung von Sorten braucht es keine großen Flächen, sei es eine geerbte Sorte von meiner Großmutter oder eine von einer Reise mitgebrachte. Für die Vermehrung genügt der kleinste Raum. Langfristig braucht es dann größere Bestände um wieder selektieren zu können.

Der Pestizid- und Düngereinsatz ist in der Landwirtschaft streng geregelt. Oftmals hört man, dass in Privatgärten dafür Unmengen davon ausgebracht werden. Wie sind ihre Erfahrungen diesbezüglich? Ist diese Behauptung wahr?

Ja! Ich kenne drei Gruppen: Die überzeugten Bio-Gärtner, auf die das nicht zutrifft. Dann gibt es die überzeugten konventionellen Gärtner, wo Blaukorn im Extremfall dichter ausgesät wird, als die Radieschen und Insektizide in rauen Mengen eingesetzt werden. Hier kommt einfach der finanzielle Aspekt nicht zu tragen. In der konventionellen Landwirtschaft wäre der übermäßige Einsatz einfach zu teuer, da müssen sich schon alleine aus betriebswirtschaftlichem Denken Kosten und Nutzen die Waage halten, was in Privatgärten nicht der Fall ist. Und dann gibt es die dritte Gruppe, die einfach erntet was kommt, quasi Laissez-faire Gärtner.

Zuletzt: Welchen Tipp oder Auftrag geben Sie jedem, der einen Garten oder eine Freifläche zur Verfügung hat?

Ich möchte es gar nicht als Auftrag formulieren, sondern eher inspirieren. Wenn man einen Garten oder kleinen Balkongarten zur Verfügung hat, rege ich an diesen als Freiraum zu entdecken,. Das ist ein Prozess, da kann man selbst so richtig hineinwachsen. Und dann können Gärten kleine Paradiese sein, wo ich gezielt Pflanzen anbaue und sich die eine oder andere Wildblume dazugesellt, wo ich mitten in der Stadt Insekten und Vögel beobachten kann, oder sogar Bienen in der Stadt halten kann. Ist die Fläche noch so klein, ist sie dennoch eine Fläche unter freiem Himmel. Jeder kann erleben, dass die Sonne ein wichtiger Energielieferant ist. Denn ist es nicht faszinierend, dass Pflanzen diese Energie in Materie umwandeln können? Grüne Freiflächen sind Orte einer unmittelbaren Lebendigkeit, und von diesen kann es gar nicht genug geben.

zwei Frauen und ein Mann auf grünem Feld bei der Ernte

© Rupert Pessl

Was Andrea Heistinger bewegt:

Perspektive Landwirtschaft – Die Erhaltung von kleinen Familienbetrieben

Was braucht es damit Pflanzen ertragreich sind, um Ernährungssouveränität zu schaffen? Es braucht Menschen, die gärtnern, die Landwirtschaft betreiben, dynamische Leute, Quereinsteiger und –denker, die sogar aus einem ganz anderen Hintergrund kommen mögen. Doch für Interessierte ist es oftmals schwer überhaupt Betriebe zu finden, die sie übernehmen könnten.

Die Perspektive Landwirtschaft bietet hier Hilfe und Betreuung und zeigt unterschiedliche Formen zur außerfamiliären Übergabe von Höfen auf. Denn trauriger Fakt ist, dass bis zu 50% der österreichischen Betriebe keine gesicherte Nachfolge haben.

Über Andrea Heistinger

Kurzhaarige Frau mit schwarzer Brille hält Buch zu Selbstversorgung in die HöheAndrea Heistinger ist Bestsellerautorin, Agrarwissenschaftlerin, Beraterin, Mutter zweier Buben und Vordenkerin im Bereich Landwirtschaft. Sie schreibt, forscht, berät, moderiert und referiert – über Themen wie den Bio-Anbau, Balkon-Gemüse oder das neue Leben am Land.

Neuerscheinung 2018

Was genau ist Selbstversorgung? Über vier Jahre Recherche, unzählige Versuche und jede Menge Interviews mit SelbstversorgerInnen standen am Beginn dieses einzigartigen Buches. Andrea Heistinger hat neueste Erkenntnisse, interessante Einblicke und vergessen geglaubtes Wissen versammelt und erzählt auf 500 reich bebilderten Seiten die spannende Geschichte der Selbstversorgung neu.

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Quelle: Interview mit Andrea Heistinger am 18.7.2018

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