Der Weltacker – Ideen für die Zukunft

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Eine Menschenmenge steht vor einem Acker mit Informationstafeln

Wird es ein Burger aus Insektenprotein sein oder Pillen mit allen lebenswichtigen Nährstoffen? Oder werden einfach viele Menschen noch weniger zu essen haben, der Welthunger massiv ansteigen und nur ein privilegierter Teil der Industriestaaten sich wie bisher ernähren?

Prognosen prophezeien bis 2050 eine Weltbevölkerung von etwa 10 Milliarden Menschen. Das ist ein Anstieg im Vergleich zum Jahr 2010 von 3 000 000 000 Menschen, oder viermal die Bevölkerung Europas, die zusätzlich zur heutigen Bevölkerung ernährt werden muss.

Im Bewusstsein, dass schon heute enorme Ungleichheiten weltweit herrschen, die Bodendegradation rapide voranschreitet, die Umweltverschmutzung zunimmt, bereits jetzt die Grenzen der Anbauflächen erreicht sind und die Umwandlung von Wald in landwirtschaftliche Flächen den Klimawandel und Artenverlust nur noch mehr beschleunigen würden, kann einem schon recht mulmig werden. Denn was uns die Geschichte und Gegenwart lehrt- Ressourcenknappheit führt zu Krieg, Unruhen und Leid.

In den Industriestaaten wird die Versorgungssicherheit vermutlich noch länger kein Thema sein, aber schwindender Wohlstand und nationale Sicherheit.

0,2 Hektar pro Mensch

Wege aus der Krise sind längst bekannt, wir müssen sie nur einschlagen! Davon ist auch das Projekt „Weltacker 2000 m2“ überzeugt. Die Idee dafür entstand 2013, als die Initiatoren nach einer Möglichkeit suchten, der EU die Agrarpolitik zu veranschaulichen.

Dividiert man die weltweit genutzte Agrarfläche von 1,45 Milliarden Hektar durch die Weltbevölkerung, erhält man 2000 m² pro Mensch. Auf dieser Fläche müssen alle Pflanzen für die Lebensmittelversorgung, für Kleidung und Biosprit wachsen. Als Weidefläche stehen weitere 3,55 Milliarden Hektar zu Verfügung.

In der Theorie reichen diese Flächen aus, um alle ausgewogen zu ernähren und das sogar mittels biologischer Landwirtschaft, wie Wissenschaftler in Nature communications 2017 publizierten. Allerdings nur, wenn der Fleischkonsum und die Lebensmittelverschwendung drastisch reduziert werden. Denn auf den 2000 m² werden auch Futtermittel für Nutztiere angepflanzt, und so landet mehr als ein Drittel der weltweiten Getreideernte in Futtertrögen.

Weltacker 2000 m2

Grafik eines Ackers mit Einteilungen in verschiedene Feltfrüchte

© Zukunftsstiftung Landwirtschaft, Zeichnung: Annika Huskamp

1,45 Milliarden Hektar- eine schier unvorstellbare Zahl. 2000 m² sind im Vergleich dazu erfassbar und begreifbar. Von dieser Größe macht das Projekt „Weltacker 2000 m2“ Gebrauch um ein Bewusstsein für Fläche und deren landwirtschaftlicher Nutzung zu schaffen. Als zentrales Element werden dazu auf 2000 m² dargestellt, wie Anbauflächen weltweit verteilt sind. Beispielsweise werden auf 16 Prozent der 1,45 Milliarden Hektar Landwirtschaftsfläche Weizen angebaut, weshalb auch am „Weltacker“ auf 16 Prozent der Fläche Weizen wächst.

Der erste Weltacker entstand in Berlin und hat mittlerweile neun Nachahmer gefunden, wie in der Demokratischen Republik Kongo, in der Schweiz, in Frankreich und in Schweden. Allen gemeinsam ist das Ziel, die brennenden Herausforderungen der globalen Lebensmittelproduktion zu thematisieren und dass die Besucher ihr Konsumverhalten reflektieren.

mehrere Schwarze stehen in bunten Gewändern auf einem Acker

© Slow Food Convivium – Kalelé

„Die Menschen sollen verstehen, dass jede Mahlzeit, jedes Baumwoll-Shirt und jeder Kilometer Biosprit seinen Ursprung auf dem Acker hat. Außerdem wollen wir mit unserem Acker eine Verbindung zwischen den globalen Strukturen und Problemen in der Landwirtschaft und Konsumenten schaffen“, sagt Carla Giardini vom Berliner Weltacker Büro.

Im Gespräch mit Bastiaan Frich, Vize-Präsident des Urban Agriculture Netzes Basel und Initiator des Schweizer Weltackers zeigt sich, wie gut dies funktioniert. Mit spürbarer Begeisterung in der Stimme erzählt er von einem kleinen Mädchen, das nach dem Besuch des Schweizer Weltackers zuhause plötzlich wieder Gemüse aß, da sie nun wusste, wie es wächst und wo es herkommt. Noch beeindruckender ist die Umkehr einer Dame deren Lieblingshobby das Shoppen und der Konsum eine Ersatzbefriedigung war. Nach dem Besuch des Weltackers entschied sie sich einen Teil ihrer Rasenfläche in einen Nutzgarten umzugestalten und investiert ihre Zeit, die sie zuvor in Einkaufszentren verbrachte, nun völlig neu.

Ernsthaft blickender junger Mann mit schwarzem Haar, dunkelbraunen Augen und getrimmtem Bart„Es ist schön zu erleben, wenn Menschen durch das direkte Erlebnis, durch Handlungskompetenzen, die vor Ort motiviert und gefördert werden, ihren Konsum verändern“, schildert Bastiaan Frich erfüllt von Freude.

Wie werden wir alle satt?

Uns ist allen klar, dass es nicht weitergehen kann, wie bisher, dass wir aufhören müssen Lebensmittel im großen Stil wegzuwerfen, Lebensmittel für Mobilität zu verbrennen. Wir müssen die Tiere wieder auf die Weide schicken, statt sie mit Mais, Getreide oder Soja vollzustopfen.

Der Schritt vom Wissen zur Umsetzung kann mitunter schwer sein, doch der Besuch eines Weltackers erleichtert ihn. Vielleicht haben Sie ja einen in Ihrer Nähe? Verbringen Sie ein paar Stunden mit inspirierenden Visionären und freuen Sie sich auf eine gänzlich neue Wahrnehmung gegenüber Lebensmitteln.

Und dann? Gründen Sie in Ihrer Stadt einen neuen Weltacker!

Freundlich lächelnde Frau mit dunklem langen HaarÜber die Autorin

Dr. Isabell Riedl ist seit 2012 als Nachhaltigkeitsbeauftragte und in der Kommunikation der Werner Lampert GmbH tätig. Sie studierte Ökologie mit Schwerpunkt Natur- und Landschaftsschutz und Tropenökologie an der Universität Wien. Ihre Dissertation verfasste sie über die Bedeutung von Baumreihen in landwirtschaftlichen Gebieten für Waldvögel in Costa Rica. Zeit ihres Lebens hat sie sich insbesondere der ökologischen Nachhaltigkeit verschrieben. Sie ist Teil des Redaktionsteam des Online-Magazins „Nachhaltigkeit. Neu denken.“

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