Was sind planetare Grenzen?

Mann und Kind stehen vor Meer

Hand in Hand mit dem Ende der letzten Eiszeit und dem neuen konstanten und warmen Klima ging die Erfolgsgeschichte des Menschen einher. Ohne unseren Einfluss würde diese Konstanz auch noch viele Jahrtausende weiterbestehen. Doch offenbar schaffen wir es, durch den achtlosen Umgang mit Ressourcen, das Gedeihen der Menschheit zu beenden.

Bei all unserem zerstörerischen Tun haben wir bisher noch ein jedes Mal das Ruder herumgerissen. Regulierende Kräfte wie Wissenschaftler, Vordenker und Persönlichkeiten wiesen uns immer wieder in die Schranken.

Lassen Sie uns Ihnen die „Schranken“ vorstellen, die in Nachhaltigkeitskreisen beinahe zum Allgemeinwissen gehören: Die neun Planetaren Grenzen.

Neun planetare Grenzen

Ein 28-köpfiges Forscherteam des Stockholm Resilience Centre rund um den renommierten Resilienzforscher Johan Rockström, veröffentlichte im Jahr 2009 „A safe operating space for humanity“ (Ein sicherer Handlungsspielraum für die Menschheit). Dieses Konzept der Planetaren Grenzen oder auch ökologischen Belastungsgrenzen wurde 2015 aktualisiert. Sie definierten dabei neun Schwellenwerte, die bei Überschreitung inakzeptable Erdveränderungen zur Folge hätten und zu unvorhersehbaren neuen Lebensbedingungen führen würde.

Grafik zu Planetary boundaries

Steffen et al. 2015: Der 2015 Stand der Kontrollvariablen von 7 planetaren Grenzen. Der grüne Bereich ist der sichere Handlungsraum unterhalb der Grenzen, gelb ist eine Zone der Unsicherheit, wo das Risiko für katastrophale Folgen steigt, und rot ist die Zone für hohes Risiko. Der innere dicke Kreis bildet den sicheren, der zweite dicke Kreis den unsicheren Handlungsraum ab.

Bereits überschrittene Grenzen:

Klimawandel, Intaktheit der Biosphäre, Biogeochemische Kreisläufe, Landnutzungsänderung

Noch nicht quantifizierte Grenzen:

Belastung durch Chemikalien, Atmosphärische Aerosol-Belastung

Nicht überschrittene Grenzen:

Meeresversauerung, Süßwassernutzung, Stratosphärischer Ozonabbau

Klimawandel und Intaktheit der Biosphäre (Climate change, Biosphere integrity)

Klimawandel und Biodiversität werden von den Wissenschaftlern als die wichtigsten Grenzen verstanden, da sie eine fundamentale Bedeutung für unser Erdsystem haben und für den Fortbestand der Menschen wichtig sind.

Der Richtwert beim Klimawandel von 350ppm CO2 wurde bereits stark überschritten (403 ppm im November 2017). Der Verlust von Eismassen und Gletschern, die bisher Sonnenstrahlen ins All reflektiert haben, ist nicht mehr rückgängig zu machen, der Meeresspiegel wird ansteigen und unser Klima wärmer. Auch die Intaktheit der Biosphäre ist nicht mehr gewährleistet. Die Aussterberate ist bereits 100 bis 1000 Mal höher als die natürlich zu erwartende.

Biogeochemische Kreisläufe (Biochemical flows)

In den Stickstoff- und Phosphorkreislauf hat die Menschheit durch Industrie und Landwirtschaft zu viel eingegriffen. Beide Stoffe sind für das Pflanzenwachstum wichtig und werden in Form von Dünger übermäßig auf Äcker ausgebracht. Die Pflanzen können die Mengen nicht aufnehmen, wodurch die Stoffe in Gewässern, Luft und Ökosystemen landen.

Landnutzungsänderung (Land-system change)

Wälder, Grasland und Feuchtgebiete wurden zu Ackerland umgewandelt. Die verbleibende Waldfläche, die für die Regulation des Klimas wichtig ist, ist bereits zu gering und wir haben somit den sicheren Handlungsspielraum verlassen.

Belastung durch Chemikalien (Novel entities)

Eine Vielzahl an langlebigen und giftigen Substanzen, wie Pestizide, Schwermetalle oder radioaktive Stoffe beeinflussen die Umwelt massiv. Die Ausbringung kann unumkehrbare Auswirkungen auf Lebewesen haben. Über 100.000 Wirkstoffe sind im Umlauf. Aufgrund der Vielzahl an Stoffen, und der Komplexität der Wirkungsketten, konnte noch keine einfache Grenze festgelegt werden.

Atmosphärische Aerosol-Belastung (Atmospheric aerosol loading)

Aerosole sind feste oder flüssige Schwebteilchen in der Luft, Feinstaub zählt beispielsweise dazu. Etwa 7,2 Millionen Menschen sterben jährlich durch Aerosolbelastung. Der Mensch erhöht die Belastung vor allem durch die Verbrennung verschiedener Materialien und andererseits durch Landnutzungsänderung, weil dabei Staub in die Luft gelangt.

Aufgrund der hohen Komplexität des Verhaltens von Aerosolen, konnte noch keine Grenze definiert werden.

Meeresversauerung (Ocean acidification)

Etwa ein Viertel der weltweiten CO2-Emissionen werden mittels Umwandlung in Kohlensäure von Ozeanen aufgenommen. Das verlangsamt zwar einerseits den Klimawandel, führt aber andererseits zur Versauerung der Meere, was sich negativ auf das Wachstum von Korallen, Krebstieren oder Plankton auswirkt. Glücklicherweise ist die Belastungsgrenze noch nicht erreicht.

Süßwassernutzung (Freshwater use)

Der Süßwasserkreislauf wird stark vom Klimawandel beeinflusst. Weiters verändert der Eingriff des Menschen in Gewässer und die Landnutzung die globalen Wasserflüsse und Verdunstungsmengen. Daher wird vermutet, dass 2050 eine halbe Milliarde Menschen mit Wassermangel konfrontiert sein werden. Noch befinden wir uns jedoch innerhalb der sicheren Grenzen.

Stratosphärischer Ozonabbau (Stratospheric ozone depletion)

Die Ozonschicht schützt uns vor schädlicher UV-Strahlung der Sonne. Durch das weltweite Verbot von ozonzerstörenden Fluorchlorkohlenwasserstoffen, das 1987 im Montrealer Protokoll vereinbart wurde, scheint die Menschheit einen Weg gefunden zu haben, auch zukünftig innerhalb eines tragbaren Rahmens zu bleiben.

Wissen und Handeln

Dass wir bei vier Bereichen bereits den sicheren Handlungsraum verlassen haben, mag pessimistisch klingen, doch betrachten wir die Belastungsgrenze „Ozonabbau“! Beweist sie nicht wieder, dass die Menschheit zu radikalen Maßnahmen fähig ist?

Durch die Definition von Schwellenwerten haben wir die Werkzeuge in der Hand um zu handeln. Und besonders die schwedischen Wissenschaftler sind optimistisch:

„Während die Risiken des Anthropozäns (LINK intern) für das menschliche Wohl klarer werden, erreicht die Wissenschaft den Punkt, wo ein systematischer Durchbruch möglich – und nötig – wird. Durch die Erforschung und Definition eines sicheren und guten Handlungsraums wird eine weitere Entwicklung der menschlichen Gesellschaften gewährleistet.“

“As the risks of the Anthropocene to human well-being become clearer, research is maturing to a point where a systemic step-change is possible—and necessary—in exploring and defining a safe and just planetary operating space for the further development of human societies.”

Steht also der Durchbruch bevor? Wird die Wissenschaft, die die Zerstörung begonnen hat, uns auch wieder retten?

Freundlich lächelnde Frau mit dunklem langen HaarÜber die Autorin

Dr. Isabell Riedl ist seit 2012 als Nachhaltigkeitsbeauftragte und in der Kommunikation der Werner Lampert GmbH tätig. Sie studierte Ökologie mit Schwerpunkt Natur- und Landschaftsschutz und Tropenökologie an der Universität Wien. Ihre Dissertation verfasste sie über die Bedeutung von Baumreihen in landwirtschaftlichen Gebieten für Waldvögel in Costa Rica. Zeit ihres Lebens hat sie sich insbesondere der ökologischen Nachhaltigkeit verschrieben. Sie ist Teil des Redaktionsteam des Online-Magazins „Nachhaltigkeit. Neu denken.“

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