„Umweltbelastungen betreffen nicht alle gleich“

Flugzeug in der Luft

Wir müssen ökologisches Handeln radikal umdenken: Um Menschen zu motivieren, reicht es nicht aus, Selbstlosigkeit zu predigen – der Eigennutzen muss stimmen. Diesen Ansatz vertritt der Umweltsoziologe Peter Preisendörfer. Wie kann das zu mehr Umweltgerechtigkeit beitragen? Und welche Rolle spielen dabei die Faktoren Zeit und Geld? Der Experte im Interview.

Herr Preisendörfer, Sie bewegen sich in Ihrer Forschung an der Schnittstelle von Umwelt, Verteilung und Fairness. Was verstehen Sie unter Umweltgerechtigkeit?

Im Kern geht es um die ungleiche Verteilung von Umweltbelastungen. Wer in der Nähe von Mülldeponien, Flughäfen oder lauten Straßen wohnt, hat weniger Lebensqualität und ist größeren Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Davon sind nicht alle Bevölkerungsschichten gleich betroffen.

Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit geringerem sozioökonomischen Status stärker durch Umweltschadstoffe belastet sind. Woran liegt das?

Sie müssen nur überlegen, wer in Flugschneisen oder neben vierspurigen Straßen wohnt. Gut situierte Leute ziehen aus diesen Gegenden weg, ärmere Menschen lassen sich nieder. Dafür sind wirtschaftliche und politische Mechanismen verantwortlich. Auf der einen Seite stehen die geringen Wohnungspreise, die untere Bevölkerungsschichten in die kritischen Gebiete drängen. Andererseits laufen Entscheidungen der Politik immer über den Weg des geringsten Widerstands. Eine Müllverbrennungsanlage wird in der Nähe jener Menschen angesiedelt, die sich nicht effektiv zur Wehr setzen können. Meistens sind das Leute mit geringerer Bildung oder Migrationshintergrund.

„Ein Appell an selbstlose Idealisten ist ein grundlegendes Missverständnis. Der Rahmen für ökologisches Handeln muss so gestaltet werden, dass es sich auch für den eigennutzenorientierten Akteur lohnt.“ Peter Preisendörfer, Umweltsoziologe

Gibt es auch Ausnahmen?

Tatsächlich existieren bemerkenswerte Sonderfälle in Großstädten. Sehen Sie sich zum Beispiel Paris an: Im Zentrum herrscht eine enorme Feinstaubbelastung, dennoch wohnen dort die Reichen. Das ist vor allem historisch bedingt. Der Unterschied liegt darin: Reichere Bevölkerungsschichten können sich besser schützen – zum Beispiel mit Lärmschutzfenstern oder einer Zweitwohnung im Grünen.

Die Umweltbelastungen sind also ungleich verteilt – wie kann die Politik konkret für mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft sorgen?

Zum Beispiel durch Kompensationsmaßnahmen und eine fairere Verteilung. Im Flugverkehr versucht man etwa mit wechselnden Flugrouten Umweltbelastungen gerechter zu steuern. Gegen Straßenlärm kann hingegen durch die Finanzierung von Schutzwänden relativ einfach vorgegangen werden. Auch ein besseres Angebot von Erholungsmöglichkeiten entlastet die Betroffenen. Der wichtigste Ansatz ist und bleibt aber die Vermeidung von Umweltverschmutzung.

Viele Menschen nehmen allerdings in Kauf, mit ihren Handlungen die Umwelt zu verschmutzen. Laut „Rational-Choice-Theorie“ steht dabei das individuelle Nutzen-Kosten-Kalkül im Vordergrund. Wie lassen sich umweltfreundliche Handlungsalternativen attraktiver machen?

US-Amerikanisch anmutende Ubahn von innen, schwarzer Mann und weißer Mann mit KindÖkologisches Handeln hat nichts mit Altruismus zu tun. Die Rahmenbedingungen müssen so gestaltet werden, dass sich der eigennutzeninteressierte Akteur umweltfreundlich verhält. Bei der Mobilität sind zum Beispiel zwei Dinge wichtig: Zeit und Geld. Alles andere können Sie vergessen. Solange man mit dem Flugzeug schneller und billiger ist als mit der Bahn, ändert sich nichts. Auch bei Nahrungsmitteln existiert dieses Problem. Konventionell hergestellte Produkte sind deshalb so billig, weil sie subventioniert werden. Eine stärkere Förderung der ökologischen Landwirtschaft kann dem entgegenwirken.

In den USA wird Umweltgerechtigkeit bereits seit den 1980er-Jahren unter „Environmental Justice“ diskutiert. Was können wir in Europa aus solchen Ansätzen mitnehmen?

„Environmental Justice“ ist eine Bewegung von unten. Ärmeren Schichten ging es darum, ihre Lebenssituation in der Nähe von Autobahnen, Kraftwerken oder Deponien zu verbessern. Der Ansatz ist, zum Beispiel im Vorfeld eines größeren Bauprojekts alle Beteiligten an einen Tisch zu holen. So können bessere Bedingungen ausgehandelt werden. Auch in Europa gibt es diese Idee, sie wird aber eher von der Wissenschaft getragen. In Deutschland betreiben wir etwa viel empirische Forschung rund um den Flughafen Frankfurt. Dabei arbeiten wir auch mit der städtischen Verwaltung und Bürgerinitiativen zusammen.

„Die Idee von Umweltgerechtigkeit ist in vielen Städten noch nicht angekommen. In der Stadtentwicklung muss die Verkehrspolitik das zentrale Handlungsfeld sein.“ Peter Preisendörfer, Umweltsoziologe

Eine große globale Herausforderung ist die Klimagerechtigkeit. Welche Rolle spielen weltweite Ziele wie die Sustainable Development Goals, um einen Ausgleich zu schaffen?

Die ärmeren Regionen des Südens tragen in der Regel weniger zum Klimawandel bei, sind aber stärker von dessen Folgen betroffen. Sogar die „Werkbank der Welt“ China hat mit acht Tonnen CO2 pro Kopf einen verhältnismäßig geringeren Ausstoß als Österreich oder Deutschland. Die Sustainable Development Goals sind da in jeder Hinsicht sinnvoll. Sie entsprechen der Leitidee einer One-World-View: Gegenseitige Schuldzuweisungen bringen uns nicht weiter, wir können nur gemeinsam die Welt als lebenswerten Raum erhalten.

Wie hängt Umweltgerechtigkeit mit Resilienz zusammen? Welchen Beitrag kann sie für die sozioökologischen Systeme der Zukunft leisten?

Um resiliente sozioökologische Systeme zu gestalten, darf man nicht gegen die Menschen arbeiten – die Bevölkerung muss ins Boot geholt und Gerechtigkeit geschaffen werden. Heute wird oft über eine fehlende Vision geklagt. Der Weg der Nachhaltigkeit ist jener, der ökologisch und ökonomisch am sinnvollsten ist. Ich denke, damit haben wir eine sehr konkrete Aufgabe vor uns, die wir gemeinsam meistern müssen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Über Peter Preisendörfer

Der Umweltsoziologe Prof. Dr. Peter Preisendörfer (geboren 1953 im bayrischen Obersinn/Deutschland) lehrt an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz. Er studierte in Nürnberg, Wien und Chicago. Zu den Forschungsgebieten des bekennenden Weltbürgers gehören vor allem die Themen Umweltforschung sowie Entrepreneurship.

Quelle: Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Interviews mit Peter Preisendörfer am 13.3.2018.
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