Poetry for future

,
Junger Mann auf der Bühne gestikulierend

Gedichte schreiben und die Welt retten? Wird nicht reichen, sagt Samuel Kramer, seines Zeichens Klimapoet, Aktivist und vielfach ausgezeichneter Poetry-Slammer. Wir sprechen mit ihm über Tornados, Verdrängung, gefühlsbefreite Politik und die Kunst, konkret zu beschreiben, wo der Weg hingehen könnte.

Die Zitate in kursiv und grün sind Samuel Kramers Text „Reinlichkeit & Brecht & Freizeit“ entnommen.

Sie bezeichnen sich als Klimapoet. Was war zuerst da, der Poet oder der Aktivist?

Schreiben war meine erste Form des Aktivismus. Als ich 4 oder 5 Jahre alt war, haben mich meine Eltern gefragt, wie es mir auf der Erde gefällt. Meine Antwort war: ganz gut, aber es ist ein bisschen wenig grün. In meiner Familie waren Umweltthematiken immer schon präsent.

Als ich im Philosophie-Studius mit den Berichten des Weltklimarates in Kontakt kam, hat das mein Bewusstsein auf eine neue Stufe gehoben. Ich habe meine Reichweite als Möglichkeit begriffen, dieses Wissen zu verbreiten.

Sind lyrische Texte besonders gut geeignet, um Umweltprobleme zu thematisieren?

Ich bin da ehrlich gesagt skeptisch, was vielleicht überrascht. Ich will und muss schreiben. Es ist eine angenehme Vorstellung, dass Schreiben die beste Art sein könnte, gleichzeitig meiner politischen Verantwortung nachzukommen.

„Meine sehr verirrten Damen und Herren, liebe Non-Binäre, es spricht

ihr gerechter Richter, ihr ich und Gewissen, die Ministrin des Innern“

Klimatexte oder -dokus zu konsumieren ist, trotz möglicher negativer Emotionen, immer noch relativ gemütlich, weil man dazu nicht aus der eigenen Komfortzone herausgehen muss. Das kann nicht die höchste Form von Auseinandersetzung mit unserer Zukunft sein.

Trotzdem: Lyrik ist ein notwendiger, aber auch großartiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, dem in Zukunft mehr Raum zukommen wird. Weil wir weniger sinnlose Dinge produzieren müssen, wodurch mehr Zeit bleibt, Gedichte zu lesen und zu schreiben.

Lyrik hat auch spezielle Eigenschaften. Zum Beispiel attraktiver zu sein, als andere Redeformen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass man einer Aussage eher zustimmt, wenn sie gereimt ist. Sie kann ein Publikum erreichen, das vielleicht ein Sachbuch nicht lesen würde.

Aber sie kann nur ein Steinchen von vielen sein. Die anderen Steinchen sind Leute, die sich an Bagger ketten, Gesetzesvorschläge ausarbeiten und Bodenproben nehmen. Und alles muss gleichzeitig passieren. Ich versuche, an möglichst vielen Stellen daran teilzuhaben, ohne verrückt zu werden.

Kann Poesie Menschen emotional berühren, die noch nicht wirklich in der Klimakrise angekommen sind?

Ja, was damit zu tun hat, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Bestimmte Emotionen sind in der Kunst erlaubt und im politischen Bereich verpönt. Obwohl sie hier wie dort eine angemessene Reaktion auf unseren Gesellschaftszustand sind und die Ungerechtigkeit, die sich gerade vollzieht.

Ich möchte es aber nicht glorifizieren: ein politisches Gedicht ist ein Beitrag von vielen. Und immer gilt zu hinterfragen: ist das gerade das Sinnvollste, was ich tun kann?

Die Klimakatastrophe hat in uns allen eine große Entfremdung hergestellt: obwohl wir spüren, wie groß das Problem ist, läuft alles normal weiter. Es ist wichtig, dass unser Denken und Handeln wieder fugen. Dass wir uns kohärent fühlen. Für kurze Momente kann man diese Kohärenz künstlerisch herstellen. Insgesamt ist es aber etwas, was politisch wieder hergestellt werden muss. Und das sage ich ganz klar: durch zivilen Ungehorsam. Das wird nicht gehen, nur mit Gedichten.

Welche Veränderungen beobachten Sie rund um die Klimadebatte aktuell?

Politische Forderungen sind seit den ‚Fridays for Future‘ Demonstrationen präsenter. Kaum jemand in Deutschland bestreitet die Tatsache des Klimawandels noch. Wissen ist akzeptierter und verfügbarer. Systematisch hat sich aber gar nichts verändert. Am Wachstumsparadigma wird nicht gerüttelt. Das fängt gerade erst an.

Aber der Wald, in den ich hineinrufe, hat sich verändert. Die Leute reagieren anders. Sie sagen: das habe ich schon gehört. Und sind bereit für den nächsten Schritt. Wodurch das, was ich sage, auch eine Stufe weiter geht.

Wir haben als Gesellschaft noch nicht verstanden, wo unsere Freiheit eigentlich zu verteidigen ist. Freiheit ist für mich, mein Trinkwasser nicht rationieren zu müssen. Freiheit heißt nicht, wieviel man mit dem Auto fahren kann. Ich denke, das sehen viele Leute ähnlich. Freiheit heißt nicht, sich 40h pro Woche abzuarbeiten um dann mit 68 zusammenzubrechen, sich jeden Monat Dinge um 4.000€ zu kaufen oder sich so viel ungesundes Fleisch zu kaufen, wie man will.

Uns ist nicht bewusst, dass es sich sehr unfrei anfühlt, wenn regelmäßig mein Keller geflutet, mein Haus von einem Tornado bedroht wird und die asphaltierten Innenstädte so heiß werden, dass man sich dort nicht mehr bewegen kann. Und hier setze ich an: zu argumentieren, was wirklich unsere Freiheit ist, die wir verteidigen wollen.

„Ich werde niemals gesagt haben: Flash!

Ich erinnere mich an Tage, da die Sprinkleranlagen noch nicht mit den Lenkraketen redeten

als wir noch Geheimnisse hatten, Eisbären und Polkappen. Flash!

Also, wir wissen zwar noch nicht, wo die Strecke schlussendlich verlaufen soll

oder wo das Ziel ist, aber wir haben schon neunzig Prozent aller möglichen Routen betoniert. Flash“

Braucht es als Gegengewicht mehr positive Visionen?

Das ist etwas, was mich sehr umtreibt und interessiert. Wie erzählt man eine positive Zukunftsvision? Ist das sinnvoll? Brauchen wir das? Und wie muss sie aussehen?

Die Konkretion davon interessiert mich als Literat. Nicht nur abstrakt z.B. Viertagewoche oder grüne Innenstädte, sondern wie würde das ganz konkret für ein Individuum aussehen? Abseits von der Vorstellung, das aufzugeben, was ich jetzt Schönes habe.

Viele verdrängen die Klimakrise, weil noch keine gute Alternative dazu existiert, die man sich sinnlich vorstellen kann, und da braucht es diesen Gegenpol. Diese guten Erzählungen, zum Beispiel Utopien für Realisten von Rutgar Bregmann. Immer wieder fällt mir auf, dass ich überzeugende Gesellschaftserzählungen finde, zu denen aber die Konkretion fehlt.

Hans Jonas schreibt, es ist viel einfacher zu identifizieren wovor wir uns fürchten sollten, als das Gute zu identifizieren. Das hängt nicht nur mit Imagination zusammen, sondern auch mit Streitbarkeit. Es ist unbestreitbar, dass wir keinen Tornado wollen. Wenn ich eine Alternative dazu äußere, was wir stattdessen wollen, z.B. bedingungsloses Grundeinkommen, dann kommt das Argument: „Aber dann hören die Leute ja auf zu arbeiten.“ Und dann können wir uns plötzlich wunderbar streiten. Dann herrscht keine Einigkeit mehr in der Vision.

Ich schreibe seit langem an einem Text zum Thema „Worauf baue ich meine Hoffnung auf? Wie stelle ich mir die Zukunft vor?“ Das ist unglaublich schwierig. Ich habe dazu bis jetzt keine besonders spruchreifen Ergebnisse. Ich habe gewisse Vorstellungen dazu, wie es ist durch eine Stadt zu gehen, die auf den Klimawandel vorbereitet ist. Aber fertig ist es noch nicht.

„…in meinem Traum flogen Raketen zum Mond

und sonst nirgendwohin

überall schossen Erdbeeren und Sonnenblumen aus dem Boden

und auf einem Stein stand: es gibt nichts zu fürchten

in einer Welt, die vom Mitgefühl regiert wird“

Sie haben mit ‚Poetry for future‘ einen Band mit Texten für Übermorgen von deutschsprachigen Literat*innen und Poetry-Slammer*innen herausgegeben. Wie war das Echo?

Ich würde sagen, dass die Reaktionen stark positiv waren. Ich habe keine negativen Rückmeldungen bekommen. Bei den Live-Veranstaltungen waren die Leute euphorisch. Einerseits weil es Live-Veranstaltungen waren (Anm. nach diversen Lock-Downs) und auch, weil es uns dort gelungen ist, mit positiven Zukunftsbildern abzuschließen.

Mittlerweile haben wir mit dem Band den ‚break even‘ erreicht (Anm. mit dem Verkauf die Produktionskosten ausgeglichen). Was nicht selbstverständlich ist für politische Lyrik und ein Buch, dass sich vor allem bei Veranstaltungen verkauft.

Klimathemen haben den Ruf schwer verständlich zu sein. Ist Klimapoesie zwangläufig intellektuell? Oder geht das auch breitenwirksam?

Die Frage muss sich Lyrik generell stellen. Gegenwartslyrik wird von kaum jemandem gelesen, sie wird nur in einem kleinen Zirkel rezipiert. Es ist ein stark privilegiertes Format, dass sich an ein privilegiertes Publikum richtet. Als Künstler*innen müssen wir uns die Frage stellen: will ich anschlussfähig sein an Leute, die z.B. Preise vergeben, oder richte ich mich an Leute, für die das wirklich etwas bewirken könnte?

Lyrik kann zugänglich sein, ohne schlecht zu sein. Und hier sehe ich auch ein Potential von performter Literatur, von Spoken Word, wo man nicht nur die Komplexität auf der reinen Textebene hat, sondern als Gesamtprodukt die Performance.

Abschließend muss ich eines noch festhalten: Die Gegenwart ist unfassbar, komplex und widersprüchlich. Wir müssen Komplexität aushalten, Widersprüchlichkeit aushalten. Es gibt nicht nur ‚fight or flight‘. Manches ist mit einfachem Kategoriendenken nicht erfassbar. Da kann Kunst ein Übungsfeld sein. Ich habe immer wieder Texte geschrieben, wo Leute gesagt haben: Das habe ich jetzt gar nicht alles verstanden. Worauf ich sage: Hast Du die Gegenwart ganz verstanden? Ich nämlich nicht.

„Und auch wenn ich nicht genau weiß, wie das irgendjemandem helfen soll,

werden die Angeklagten hiermit, nach den genannten Paragraphen

und im Namen von Reinlichkeit und Brecht und Freizeit,

zu ewigem Nachdenken auf Bewährung verurteilt.

Gegen das Urteil können innerhalb von zwei Wochen Rechtsmittel eingelegt werden

… und wer will, kann sich mit mir jetzt ein paar Erdbeeren teilen.“

Lesetipps

  • Anja Bayer, Daniela Seel (2016): all dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän. Kookbooks Verlag.
  • Rutzger Bregmann (2020): Utopien für Realisten. Rororo Verlag.
  • Marion Poschmann (2021): Laubwerk, Essay. Wortmeldungen-Preis 2021.

 

Über Samuel Kramer

Samuel Kramer © Finn Holitzka

Samuel Kramer ist Spoken-Word-Perfomance Künstler und Klimaaktivist und Teil des Poesiekollektivs „Kassiber in Leuchtschrift“. Er hat Germanistik und Philosophie studiert und lässt sein Herzblut aktuell in politische Lyrik zu Klimakrise, Tierethik, Artensterben und konkreten Zukunftsalternativen fließen. Die Anthologie „Poetry for future: 47 Texte für Übermorgen“ ist im Satyr Verlag erschienen.

 

Quelle: Interview mit Samuel Kramer am 30.6.2021

Artikel der Redaktion

 

0 Antworten

Ihr Kommentar

Teilen Sie uns Ihre Meinung mit.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.