Neue Freiheiten, auf die wir uns freuen dürfen

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Angenommen die Zukunft wäre ein Fußballspiel. Als Mannschaften treten an: alte Freiheiten gegen neue Freiheiten. Vermutlich würden wir schnell feststellen, dass einige unserer alten Freiheiten eine ziemlich fragwürdige Performance zeigen, z.B. jedes dritte Lebensmittel in den Müll zu werfen, regelmäßige Kurztrips ans Ende der Welt, überbordend volle Altkleider-Säcke mit nahezu ungetragener Fast Fashion etc.

Bildlich gesprochen, würde das bedeuten, dass durch viele unserer alten Gewohnheiten der Ball ständig am Tor vorbeischießt, in die oberen Zuschauerränge donnert oder gar fernab des Stadionrandes irgendwo im Himmelsblau verschwindet. Stutzig machen würde uns vermutlich auch, dass jeder Spieler hier für sich allein spielt. Zuspiel? Fehlanzeige. Teamgeist? Gibt es nicht.

Wie kontert die Gegenmannschaft? Unsere zukünftigen Freiheiten? Sie spielt kooperativ, keinesfalls langweilig, aber korrekt. Sie akzeptiert, dass es nur ein Spielfeld gibt (diesen einen Planeten eben). Man hält sich an einige, simple Regeln. Setzt auf Team-Play. Spielt kreativ und genießt das Spiel.

Natürlich mag es sein, dass unser Herz aus Nostalgiegründen an dem einen oder anderen „alten“ Spieler hängt. Vor allem, weil wir die Newcomer der neuen Mannschaft noch nicht wirklich kennen. Darum stellen wir hier einige ‚Top-Spieler‘ der neuen Mannschaft vor: Freiheiten, auf die wir uns in Zukunft freuen können:

1. Freiheit von nutzloser Arbeit (Bullshit-Jobs)

Der jüngst verstorbene, amerikanische Kulturanthropologe und Publizist D.Graeber, beschreibt in seinem Buch „Bullshit Jobs“ das Phänomen, wie durch unser aktuelles Finanz- und Wirtschaftssystem immer mehr Lohnarbeit entsteht, die von den Ausübenden als völlig nutzlos empfunden wird. Und setzt zu einem Rundumschlag an, der auch aktuell angesehene und gut bezahlte Jobs in der Wirtschafts-, Finanz- und IT-welt in Frage stellt.

Um der ‚Bullshitisierung‘ der Arbeitswelt zu entkommen, könnten wir in Zukunft den Fokus wieder auf sinnstiftende, nützliche Arbeit richten: Arbeit, die (echte) Bedürfnisse von Menschen befriedigt oder insgesamt das Leben der Menschen verbessert.

Die Verdammung zur Nutzlosigkeit hält Graeber nicht nur für einen Angriff auf das Selbstwertgefühl eines Menschen, sondern auf das grundlegende Gefühl, dass man überhaupt ‚Ich‘ ist.

„Ein Mensch, der in der Welt keine sinnvollen Wirkungen erzielen kann, hört auf zu existieren.“ (D. Graeber)

Verbleibende, wenig populäre, aber durchaus wichtige und nützliche Aufgaben, müssen laut Graeber aufgewertet und umverteilt werden. Betreuungsarbeit würde ins Zentrum der neuen Arbeitskultur rücken. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, bezahlter und unbezahlter Arbeit würden dadurch immer stärker verschwimmen.

2. Freiheit, dem eigenen Tempo zu folgen

Womöglich nehmen wir aus der Covid19-Pandemie, wenn auch unfreiwillig, aber doch irgendwie nützlich, die Erfahrung mit, dass unser Leben auch langsamer ticken könnte. Und uns eine gewisse Entschleunigung gut täte. Wodurch unser altes Bild von Wohlstand um die Facette des „Zeitwohlstandes“ reicher werden könnte.

Zeitwohlstand beschreibt das souveräne Gefühl, Zeit zu haben, um dem Ruf der Neugierde, des Austausches, des Müßiggangs oder Bewegungsdranges folgen zu können. Und mit der höher-schneller-weiter-Logik von ‚shop-until-you-drop‘ Lebensstilen oder Burnout-Raten zu brechen.

Wo die materielle Überforderung des Zuviel-Konsumierens und die mentale Überforderung des Zuviel-Arbeitens abnehmen, entsteht Raum für neuen ‚Luxus‘: womöglich lassen wir uns häufiger massieren oder mit anderen wohltuenden Behandlungen verwöhnen, nehmen Musikstunden, unterstützen andere, lassen uns beim Sport professionell begleiten, entdecken unentdeckte Talente (…kochen, singen, tanzen, heimwerken etc.) oder genießen ein wesentlich bunteres kulturelles Leben.

Reicht unsere Fantasie für eine Welt ohne Stress und Hektik? In vielen Kulturen gibt es dafür nicht einmal entsprechende Worte. Versucht man Menschen, die in enger Verbindung mit der Natur leben, wie z.B. indigenen Völkern im Amazonas-Gebiet zu erklären, wie sich Stress anfühlt, erntet man erstaunte Blicke. Es scheint also nicht unmöglich, dass Stressfreiheit als erwünschte Nebenwirkung eintritt, wenn die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zu Gunsten eines entschleunigten, sinnstiftenden Tätigseins zunehmend verschwimmt.

3. Digitale Selbstbestimmtheit


Zugegeben: in Zeiten von Homeoffice, Homeschooling & Co braucht es tatsächlich eine gute Portion Hirngymnastik und Fantasie, um sich in folgende, neue Freiheit hinein zu denken: aber wie wäre es, wenn wir uns nach Jahren, wo es zur Normalität gehört hat 24/7 erreichbar zu sein – idealerweise auch online – unsere digitale Selbstbestimmtheit zurückerobern?

Gezielt und fokussiert dann online zu gehen, wenn wir uns bewusst dazu entscheiden. Und nicht, weil die niederschwelligen, permanenten Verlockungen der digitalen Zerstreuung uns dazu hinreißen. Bewusst und regelmäßig nicht erreichbar zu sein.

Denn digitaler Dauerkonsum kostet uns nachweislich Fokus und Tiefe, lässt uns unkonzentrierter arbeiten und schlechter schlafen. Trotzdem hält der Neurologe Volker Busch wenig vom weltweit boomenden Trend des „Digital Detox“ (einer teilweise mehrwöchigen Auszeit zur digitalen „Entgiftung“).

Sein Plädoyer lautet: alltägliche Ruhemomente schaffen. Er nimmt dabei ein fast vergessenes Wort in den Mund: Tagträumen. Was uns, neurologisch betrachtet, unglaublich entspannen könnte. Vorausgesetzt: wir schaffen Routine. Denn unser Hirn entspannt sich lieber öfter und kürzer als seltener und länger.

Die Pandemie hat der steigenden digitalen Abhängigkeit ohne Zweifel weiter in die Hände gespielt. Womöglich bringt uns die digitale Übersättigung durch Homeoffice, Homeschooling und die digitale Beziehungspflege dadurch aber auch schneller an den Punkt, wo wir uns emanzipiert auf die Beine stellen und sagen: „Hey, Digitalisierung. Tanzt Du mit mir, oder ich mit Dir? Nur, dass eines klar ist: wohin die Reise geht, und wie schnell und wie oft wir unterwegs sind, bestimme ab jetzt wieder ich.“

4. Sauberes Blut ohne Umweltgifte, Mikroplastik & Co


Manche Dinge suchen wir uns nicht bewusst aus. Darum blicken die Spieler der alten Mannschaft auch ungläubig auf die Ergebnisse ihrer Bluttests: Konservierungsstoffe, Schwermetalle. Auch Glyphosat, das bei schwangeren Frauen nachweislich sogar die Blut-Plazenta-Schranke passiert?

Aber auch die Stuhlprobe ist nicht ohne – Mikroplastik. Laut WWF-Studie nehmen wir wöchentlich (!) so viel davon auf, dass es für eine ganze Kreditkarte reichen würde.

Kratzen wir also jedes verfügbare Krümelchen Fantasie zusammen und stellen uns unseren Körper (bzw. Lebensmittel / Landwirtschaft / Industrie) in Zukunft ganz ohne diese ‚Zusatzstoffe‘ vor. Einfach nur sauber. In einem Zustand, der vor einem Wimpernschlag in der Menschheitsgeschichte noch als Selbstverständlichkeit galt.

Zukunftstalente auf der Ersatzbank

Die Mannschaft der neuen Freiheiten hat noch einige Trümpfe im Ärmel. Zukunftstalente, die (noch) auf der Ersatzbank sitzen: die Freiheit von Gewalt, Vorurteilen und Rassismus. Die Freiheit von Machtmonopolen und Konzerngier. Die Freiheit ein gutes Leben nicht länger auf importiertem schwarzem Gold aufbauen zu müssen. Und irgendwann hoffentlich auch: die Freiheit von großen Umweltkrisen.
Freuen wir uns also, auf die neue Spielsaison.

 

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Portrait einer rothaarigen hübsche FrauÜber die Autorin

Dr. Sybille Chiari ist Teil des Redaktionsteams von „Nachhaltigkeit. Neu denken“ und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Nachhaltigkeits- und Klimakommunikation – forschend und schreibend. Sie ist Teil der Bewegung Scientists for Future und Obfrau des Vereins Bele Co-Housing (Gemeinschaftswohnprojekt mit biologischer, regenerativer Landwirtschaft www.belehof.at).

 

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