Diese Krise wird unser Verhalten ändern

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Aufgrund ihrer beruflichen Laufbahn hat sich Krisenkommunikatorin Verena Nowotny schon mit vielen Krisen auseinandergesetzt. Im Interview mit Nachhaltigkeit. Neu denken. gewährt sie uns Einblick in ihre Erfahrungen, gibt eine Einschätzung zu den Auswirkungen der Coronakrise auf unsere Gesellschaft und welchen positiven Wandel sie mit sich bringen könnten.

Frau, Verena Nowotny, Sie haben beruflich schon mit diversen Krisen zu tun gehabt, unter anderem mit der Tsunami-Katastrophe 2004. Was haben Sie selbst aus all den Krisen gelernt?

Krisen sind wie ein Brennglas – alles wird schärfer, kantiger, fokussierter. Das Gute tritt deutlicher zutage, aber ebenso schlechte Seiten von Menschen; und beides erleben wir auch in dieser Krise. Gleichzeitig erfordern Krisen ein rasches Handeln. Das ist Herausforderung, aber auch Chance zugleich. Und es bedarf einer Portion Mut, um in einer Krise zu agieren. Denn meist sind die Entscheidungsgrundlagen dürftig, es fehlen valide Informationen. Da muss man sich auf sein Bauchgefühl verlassen – auch wenn man vorher Expertinnen und Experten konsultiert hat.

Sie sind spezialisiert auf Krisen-Kommunikation. Wie beurteilen Sie die Kommunikation von der österreichischen Regierung? Manche kritisierten die häppchenweise Bekanntmachung der Maßnahmen.

Die österreichische Bundesregierung leistet – und das sieht man auch im internationalen Vergleich – einen höchst professionellen Job im Bereich der Krisenkommunikation, aber auch im Krisenmanagement. Beides ist untrennbar mit einander verbunden: Bei schlechtem Krisenmanagement hilft die beste Kommunikation nichts; gutes Krisenmanagement wird aber ohne professionelle Kommunikation nicht vermittelt und umgesetzt werden können.

Die schrittweise Bekanntmachung von Maßnahmen halte ich für legitim. Wichtig ist dabei, dass dann ein Zeitrahmen definiert wird, in dem Fragen noch zu klären oder Entwicklungen zu beobachten sind. Diesen Prozess hat die Regierung stets dargestellt und damit auch ihre Vorgangsweise erklärt.

2007/08 lebten Sie in Shanghai. Sehen Sie Unterschiede in der chinesischen Bevölkerung bei der Bewältigung von Krisen, im Vergleich zu Österreich?

Wenn man bei einer so großen Bevölkerung wie der Chinas überhaupt verallgemeinern darf: tendenziell haben Chinesen eine höhere Akzeptanz für Hierarchien und damit auch für Vorgaben seitens der Regierung. Daher wurden die Ausgangsbeschränkungen durchwegs sehr diszipliniert umgesetzt. Was allerdings nicht heißt, dass sich Chinesen über Missstände nicht genauso empören – meist in Sozialen Medien – wie wir, wenn etwas schiefläuft.

Welche Chancen sehen Sie für Österreich, oder gar die ganze Welt, in dieser globalen Krise?

Diese Pandemie schärft unseren Blick für das, was meist als allzu selbstverständlich genommen wird: eine umfassende Gesundheitsversorgung, Rücksichtnahme auf Menschen, die stärker gefährdet sind, unzählige Heldinnen und Helden des Alltags, die unser Land am Laufen halten. Diese Wertschätzung auch in der Zeit nach der Pandemie zu bewahren, würde Österreich, aber auch vielen anderen Ländern guttun.

Glauben Sie, dass die Krise so intensiv sein wird, dass die Menschen ihr Verhalten langfristig dadurch verändern? Wenn ja, wie? Wenn nein, warum?

Die Corona-Krise ist insofern anders als bisherige Krisen, weil sie tatsächlich jeden trifft und in die Lebensgewohnheiten von allen Menschen eingreift. Und sie wird nicht in ein paar Tagen oder Wochen vorüber sein. Daher glaube ich, dass diese Krise langfristige Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben und zu Verhaltensänderungen führen wird.

Sehen Sie die Chance zur Einleitung eines positiven Wandels? Oder ist das Wunschdenken?

Die Chance besteht. Doch es ist noch zu früh, um Umfang und Form eines solchen Wandels tatsächlich vorherzusehen. Jetzt müssen wir erst einmal möglichst gut durch diese Krise kommen.

Welche Mechanismen laufen während einer Krise ab und wie könnte man diese für einen positiven Wandel nutzen?

Krisen sind prägende Ereignisse. Sie hinterlassen Spuren in uns: einerseits Traumata über schmerzhafte Verluste und Leiden, aber auch positive Erinnerungen an Akte der Zuwendung, der Hilfe. Durch diese starken emotionalen Erlebnisse können sich Prioritäten und Wertvorstellungen beim einzelnen verschieben – daraus kann im besten Fall eine positive Kraft entstehen.

Wäre es möglich, das derzeitige Gefühl von Zusammenhalt aufrecht zu erhalten?

Krisen schweißen Menschen zusammen. Wer einmal in einem Krisenteam war (und momentan sind wir das alle auf die eine oder andere Weise), weiß, dass sich in so einer Extremsituation dauerhafte und tiefe Freundschaften oder Beziehungen entwickeln. Das bleibt.

Wie erleben Sie selbst die Pandemie? Sehen Sie etwas Positives darin?

Die Corona-Krise hat natürlich auch mein Leben massiv verändert. Vor allem den eingeschränkten räumlichen Aktionsradius empfinde ich als schmerzhaft. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass wir in Österreich diese Krise relativ gut überstehen werden. Und ich empfinde es als extrem spannend, dass derzeit genau das passiert, was die kluge Philosophin Natalie Knapp in ihrem Buch „Der unendliche Augenblick“ prophezeit hat: dass wir ein neues Gefühl für Zeit entwickeln, dass nun gezwungenermaßen unser bisheriges, schnell drehendes Hamsterrad gestoppt wurde. Zeit bewusst zu (er)leben, scheint mir ein Schlüssel für eine positive, nachhaltigere Welt von morgen zu sein.

Über Verena Nowotny

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Verena Nowotny ist Gesellschafterin und Prokuristin bei Gaisberg Consulting. Mit mehr als 20 Jahren internationaler Erfahrung unterstützt sie Unternehmen, Start-ups und Institutionen vor allem in den Bereichen strategische Kommunikation, Krisenkommunikation und Public Affairs. Verena Nowotny war über zehn Jahre als Sprecherin für die österreichische Bundesregierung tätig, u.a. als außenpolitische Sprecherin von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und als Sprecherin der nicht-ständigen Mitgliedschaft Österreichs im UN-Sicherheitsrat in New York. 2007/08 lebte und arbeitete sie in Shanghai. Verena Nowotny hat zahlreiche Krisenfälle in Unternehmen und im öffentlichen Bereich als Sprecherin und Krisenmanagerin betreut, u.a. die Tsunami-Katastrophe 2004. Sie hat ein Master-Studium in Political Management an der George Washington University in Washington DC abgeschlossen. Verena Nowotny unterrichtet Krisenkommunikation an der Donau Universität Krems und an der FH Campus Wien.

Quelle: Interview mit Verena Nowotny am 24.03.2020

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