Klimaschutz – Was sind die großen Hebel im Alltag?

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Eisenstatue

Viele Menschen möchten mittlerweile auch selbst ein Zeichen gegen den Klimawandel setzen. Vielen ist aber nach wie vor unklar, wo die wirklich großen Hebel liegen.

So berichtete die Teilnehmerin einer Veranstaltung unlängst, dass sie bei Langstreckenflügen immer darauf achte, nur einen Plastikbecher zu verwenden und diesen wieder nachfüllen und sich nicht 5-mal vom Steward einen neuen geben zu lassen. Einen Teil des Problems hat sie also im Blick. Einwegplastik sollte aus unserem Alltag verschwinden. Der nächste Schritt wäre aber doch, zu hinterfragen wie häufig und zu welchem Zweck man immer (!) Langstreckenflüge absolviert. Allein durch den Langstreckenflug werden locker 6.000 kg CO2 freigesetzt. Dafür könnte man 300.000 Einwegplastikbecher produzieren, was natürlich auch nicht zu empfehlen ist – man stelle sich den riesigen Haufen Müll vor. Das Problem ist, dass der „Müll“ vieler klimaschädlicher Handlungen, die Treibhausgase, unsichtbar bleiben. Wäre dieser „Müll“ Teil des Reisegepäcks, würde man sich nach einem Langstreckenflug am Flughafen die Beine in den Bauch stehen: neben dem Reisekoffer würden noch ca. 120 Koffer voll mit CO2 vom Förderband ausgespuckt. An der Tankstelle hätte man nach dem Tanken von 40l Diesel noch ca. 100 Milchpackungen CO2 (106 kg) im Kofferraum zu verstauen.

Warum bringe ich diese Beispiele? Weil als Standardantwort auf die Frage „Was tust Du für den Klimaschutz?“ oft kommt „Ich trenne eh schon den Müll“ oder „Ich habe die Glühbirnen ausgetauscht“. Das ist löblich und bitte hören Sie ja nicht damit auf. Aber das kann nur ein kleiner Anfang sein.

Und so könnten die nächsten Schritte aussehen:

1. „Woher kommen Strom und Wärme für meine Wohnung?“

Aus Klimaschutzsicht kann es dafür in Zukunft nur eine gültige Antwort geben: aus erneuerbaren Energiequellen. Bye, bye, Ölkessel. Adieu, Gasheizung. Und dass dies keineswegs Zukunftsmusik ist, machen andere Länder vor: als erstes Land der Welt ist es in Norwegen ab 2020 verboten mit Öl zu heizen.

Beim Strom ist der Umstieg sogar nur einen Mausklick entfernt. Wer im Wildwuchs der vielen Stromanbieter um Durchblick ringt, dem sei der Stromanbieter-Check empfohlen, ein Umwelt-Ranking zu den Stromanbietern in Österreich. Und die Kostenfrage? Ökostrom ist nur minimal teurer als ein ‚normaler‘ Strom-Mix  aus Kohle-, Erdöl-, Gas- und Atomstrom.

2. „Woher kommt mein Essen?“

Stellen Sie sich kurz vor, auf der Speisekarte im Restaurant stünde statt der Legende zu Allergenen „kann Spuren von Schwermetallen und Pestiziden enthalten“ oder „von Kinderhand auf gerodetem Regenwaldgebiet angebaut“ oder „durch Massentierhaltung besonders günstig“. Oder stellen Sie sich vor, Sie würden solche Kennzeichnungen im Supermarkt auf Produkten finden. Vermutlich würde uns der Appetit vergehen.

Mittlerweile gibt es einen neuen Ernährungsstil: Klimatarier. Das bedeutet vor allem auf eine ressourcenschonende, gesunde Ernährung zu setzen. Auf Fleisch wird nicht gänzlich verzichtet, aber es wird in Maßen genossen. Als Einkaufshilfe gelten dabei die Prinzipien biologisch, regional und saisonal. Wobei sich der regionale Gedanke auch auf die Futtermittel bezieht. Rinder und Schafe fressen am gesündesten und nachhaltigsten direkt vor der Haustür: Gras und Heu und brauchen keine anderen Futtermittel. Bei Allesfressern wie Schweinen und Geflügel könnte verstärkt auf heimisches Getreide und Soja gesetzt werden. Die heimische Sojabohne schneidet in der Klimabilanz, ca. 3,5 mal besser ab, als eine Sojabohne aus Übersee[1].

Aber wir treffen nicht nur jeden Tag die Wahl was auf unserem Teller landet, sondern auch was davon in der Mülltonne endet. Tatsache ist, dass ein Viertel unserer Lebensmittel weggeworfen wird. Mindestens die Hälfte dieser Abfälle gilt als vermeidbar[2].

3. „Wie komme ich von A nach B?“

Wie das in Zukunft klimafreundlich gehen könnte, liegt vielleicht nicht immer auf der Hand. Vielleicht ist mein Wohnort schlecht an öffentliche Verkehrsmittel angebunden. Vielleicht empfinde ich es als zu teuer ein Auto zu besitzen und zusätzlich noch für Bus und Bahn zu zahlen. Womöglich ist der Weg zur nächsten Haltestelle weit oder der Takt schlecht. Auch mal 1 Stunde auf den Bus zu warten ist wirklich nur etwas für Idealisten.

Ein großer Teil der ländlichen Regionen Österreichs könnte in Zukunft weit besser mit (möglichst emissionsfreiem) öffentlichem Verkehr versorgt werden. Damit dieser Wunsch Wirklichkeit wird, braucht es jedoch BürgerInnen, die solche Veränderungen auch aktiv und vehement von der Politik einfordern. Das kann man entweder direkt tun, indem man Initiativen wie das derzeit laufende Klimavolksbegehren unterstützt (klimavolksbegehren.at) oder indirekt indem man Umweltorganisationen, die Druck von unten machen, z.B. finanziell den Rücken stärkt.

Warum ist es bisher nicht zu einem Umdenken gekommen?

Menschen sind Gewohnheitstiere. Naheliegende, einfache und bequeme Lösungen für die Fragen des Alltags sind uns einfach sympathisch. Um aus dem Trott der Gewohnheit auszubrechen, braucht es mehrere Zutaten:

Einerseits braucht es gute, funktionierende Alternativen. Sie müssen nicht immer exakt gleich teuer, sollten aber definitiv leistbar sein (Beispiel Ökostrom). Andererseits sind wir besonders, dann bereit neue Dinge auszuprobieren, wenn wir uns eine gewisse Belohnung davon erhoffen. Längerfristig wirksam sind vor allem Belohnungen, die mit positivem Feedback oder der Beruhigung unseres schlechten Gewissens zu tun haben. Zum Beispiel, wenn der Hausarzt uns bei der Vorsorgeuntersuchung dafür lobt, dass wir täglich zur Arbeit radeln. Oder wir genießen bewusst die Zeit, die wir im Zug mit Zeitungen und Büchern verbringen können. Denn: der Spaß an der Sache ist ebenfalls ein ganz ein wichtiger Motivationsgrund.

Niemand von uns lebt in einem sozialen Vakuum. Wir orientieren, messen und vergleichen uns mit den Menschen in unserem Umfeld. Es ist uns wichtig was sie über uns denken. Niemand will belächelt werden oder sich als Außenseiter fühlen, nur weil man als einzige Person weitum nicht in den Urlaub fliegt oder auf bestimmte Produkte verzichtet.

Dass es menschlich ist erst zu handeln, wenn es auch andere tun, zeigen zahlreiche Studien weltweit. Bei Rauchgeruch verlassen wir wesentlich schneller den Raum, wenn wir sehen, dass auch andere unruhig werden. Bleiben diese ruhig, schieben auch wir die Gefahr einfach weg.

Jetzt aber kommt Bewegung in die Sache. Wir alle riechen den Brandgeruch, können helfen dieses Feuer zu löschen. Und gemeinsam können wir das auch schaffen.

Ich persönlich freue mich schon darauf– sicher auch mit einem gewissen Stolz auf uns alle – in 10 Jahren auf die vielen Heldentaten zurückzublicken, die den Weg in eine klimafreundliche Zukunft geebnet haben werden.

Portrait einer rothaarigen hübsche FrauÜber die Autorin

Dr. Sybille Chiari arbeitet seit 2011 am Zentrum für globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien und koordiniert dort internationale Forschungsprojekte rund um die Themen Klimakommunikation, Klimaengagement und zukunftsfähige Lebensweisen. Sie ist Mitgründerin der Arbeitsgruppe Klimakommunikation des Climate Change Centers Austria und Teil der Bewegung Scientists for Future. Privat ist sie Obfrau des Vereins Bele Co-Housing, der ein klimafreundliches Gemeinschaftswohnprojekt mit biologischen Landwirtschaft in Oberösterreich betreibt (www.belehof.at).

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Quelle:

[1] FIBL (2019): Österreichische und europäische Alternativen zu Palmöl und Soja aus Tropenregionen.
[2] Ökologie-Institut (2016): Lagebericht zu Lebensmittelabfällen und –verlusten in Österreich.

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