Früher nannten wir sie Haustiere

Braune Kuh wird von Mann mit Hut umarmt

In der Entwicklung des Menschen gab es einen sehr langen Zeitabschnitt, in dem der Mensch mit seiner Umwelt im Gleichgewicht war. Unsere Vorfahren zogen durch die Welt, sammelten Essbares, entwickelten ihre sozialen Fähigkeiten, machten Kunst und Liebe, manchmal erlegten sie gemeinsam ein Tier, das dann zu einem Festmahl für die Sippe wurde. In den Wildbeutergesellschaften definierte das Geistige, das intuitive Wissen, die Erfahrung und das körperliche Vermögen den Wert des Einzelnen.

Man könnte meinen, es war eine gute Zeit. Doch der Menschen Sinnen trieb sie woanders hin.
Vor 10.000-12.000 Jahren begann der Mensch sesshaft zu werden. Etwas „Eigen“ zu nennen, etwas zu besitzen, bedeutete einen fundamentalen Bruch mit der bis dahin gelebten Kulturgeschichte des Menschen. Was besessen wurde, gab dem Einzelnen ab nun seinen Wert.

Die Pflege des Besitzes und die Vorsorge für sich und seine Sippe war notwendig, und so entwickelte sich die Landwirtschaft. Wildpflanzen wurden nach und nach kultiviert, Wildtiere wurden domestiziert und den Göttern mit der Bitte um ein gnädiges Schicksal geopfert.

Sesshaftigkeit, Besitz, Dominanz und Domestikation sind eng miteinander verbundene Geschwister, und das bewegliche Kapital wurde durch die Zahl der Köpfe – capita – der Herde repräsentiert. Der Mensch begann, im Schweiße seines Angesichtes seine neue Lebensgrundlage zu gestalten.

Was damals als Fortschritt begann, ist heute in eine Sackgasse geraten. Massentierhaltung und industrialisierte Landwirtschaft sind unsere Errungenschaften. Selbstverständlich hat die Erderhitzung heute etwas mit unserer Ernährung zu tun.

Zerstört unsere Ernährung den Planeten?

Essen schärft unsere Sinne, entfacht unsere Freude, bringt uns mit unseren Freunden zusammen, beim gemeinsamen Genuss wird das Leben zum Fest.
Wir werden zugewandt, sozial und großzügig.

Kann es denn sein, dass unsere Nahrung, die uns so viel Freude bereitet, unseren Planeten zerstört? Der uns eigene Egoismus, unser Perfektionismus, unser Wille, in der Landwirtschaft alles durch und durch zu rationalisieren, zu merkantilisieren hat die Welt aus dem Gleichgewicht gebracht. Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion, dazu noch die Landnutzungsänderungen, zum Beispiel die Zerstörungen der Regenwälder, um Platz zu machen für unser Viehfutter, machen 37% der weltweiten CO2 Emissionen aus (Quelle: Intergovernmental Panel on Climate Change 2019). Um die Tiere der Bauern in der EU zu füttern, benötigt es 63% der EU-weiten Ackerfläche und zusätzlich außerhalb der EU eine Fläche, die der Fläche Deutschlands entspricht, hauptsächlich in den Regionen der ehemaligen Regenwälder. So viel Sachaufwand fordert die leistungsbesessene Massentierhaltung.

Und wie ergeht es den Tieren dabei?

Als ich ein Kind war, hießen die Tiere auf dem Bauernhof „Haustiere“, heute werden sie „Nutztiere“ genannt. Die Begriffsänderung schafft Distanz zwischen den Tieren und ihren Haltern. Ist etwas zum Nutzen, wird es zur Sache, und eine Sache können wir ohne Skrupel benutzen.

Ein Tier, das mir persönlich ganz nahe ist, ist das Rind – eines der wunderbarsten Geschöpfe auf dieser Erde. Mensch und Rind gingen für viele Jahrtausende eine Schicksalsgemeinschaft ein. In der Beziehung zueinander schütten Mensch und Rind Oxytocin aus. Mensch und Rind können sich gegenseitig glücklich machen, sagt uns das Glückshormon, wenn sie sich aufeinander einlassen.

Rinder haben das Vermögen, durch ihren vierteiligen Magen, Gras, nichts als Gras, in Milch und Fleisch zu verwandeln. Werden die Rinder auf der Weide gehalten – ein anderes Fleisch, eine andere Milch als von Weiderindern und Weidekühen lohnt es sich sowieso nicht zu essen – befruchten und energetisieren sie mit ihrem Dung die Erde. Mit ihrem Dung erhalten und steigern sie die Fruchtbarkeit der Böden. Ein Rind benötigt keine Sojabohne aus dem ehemaligen Regenwald und auch kein Getreide. Die leistungsdominierte Landwirtschaft braucht das, denn auch die Haustiere müssen dem Leistungsprinzip unterworfen sein.
Milchkühen werden in der Massentierhaltung nebst Gras, Heu und Silage auch Harnstoffe, Propylenglykol, geschützte Aminosäuren und proteinhaltiges Kraftfutter gefüttert. Eine Kuh, die normalerweise 10 bis 15 Kälber bekommen könnte, ist durch diese Haltungsform nach zwei Laktationen am Ende. Auch das belastet unsere Klimabilanz.

Tiere haben eine Seele, können Freude und Leid empfinden

Wie wir mit unseren Tieren umgehen, hat viel mit unserem Menschsein zu tun. Spalten wir das Tierleid ab, beschädigen wir unsere Seelen.
Begegne ich Rindern, muss ich an den großen französischen Forscher Claude Levi-Strauss denken. Am Ende seines Lebens wurde er gefragt, was ihm in seinem Leben nicht gelungen sei. Er meinte darauf, er hätte so gerne mit einem Tier gesprochen, er hätte ganz andere Einsichten in das Leben gewonnen.
Massentierhaltung und industrialisierte Landwirtschaft belasten unseren Planeten auf ungeheure Weise. In der Schweinehaltung ist die Massentierhaltung gängige Praxis. Vor Jahren hatte ich ein Freilandprojekt; nie habe ich Schweine gesehen mit soviel Lebensfreude, mit soviel Schalk, Witz und Lebendigkeit. Besucher fühlten sich magisch angezogen, busweise kamen sie heran, um das zu erleben. Erst, wenn Schweine im Freiland sind, entwickeln sie ihre unglaubliche Intelligenz, ihre durch und durch sozialen Fähigkeiten. Im Übrigen soll die DNA der Schweine der menschlichen sehr ähnlich sein.
In der Massentierhaltung haben sie kein Leben, es ist ein Vegetieren auf Spaltböden über ihren Ausscheidungen und über den Ammoniakdämpfen, die Tiere attackieren sich gegenseitig vor Enge und Langeweile.

Auch Hühnern geht es in der Massentierhaltung nicht besser. Sie in ihren engen Ställen mit abgezwickten Schnäbeln zu sehen, ist ein großes Elend.

Wir sind Teil der Natur

Es gibt nicht uns Menschen und die Natur, wir sind Teil der Natur, des Ökosystems, und was wir essen, ist ein Teil von uns. Wovon wir leben, ist die Frage, die uns umtreiben sollte. Es lohnt sich genau hinzuschauen, was wir essen, woher unser Essen kommt und wie es gelebt hat.

Bei uns in Österreich haben Sie das Glück, die besten biologischen Lebensmittel erstehen zu können. Ihr Konsum hilft der Umwelt, der Artenvielfalt, und dem Wohl der Tiere. Sie als Verbraucher handeln aktiv gegen die Erderhitzung. Verantwortung zu übernehmen für sein Handeln lohnt sich – für einen selbst und die nächsten Generationen.

Genau hinzuschauen bringt mehr Genuss und Freude beim Essen und zu wissen, dass Ihre Lebensmittel keine devastierte Welt hinterlassen, ist einfach ein gutes Gefühl. Trauen Sie sich, Ihren Lebensstil zu verändern, noch sind Sie handlungsfähig, noch ist es eine Frage der eigenen Haltung.

„Give life a chance“ wandeln die mutigen jungen Leute von „fridays for future“ einen John Lennon-Song ab. Geben auch Sie durch Ihr Konsumverhalten dem Leben eine Chance.

Über Werner Lampert

Portrait eines bärtigen Mannes mit lockigem ergrauten Haar und HornbrilleWerner Lampert (geboren 1946 in Vorarlberg/Österreich) zählt zu den Wegbereitern im Bereich nachhaltiger Produkte und deren Entwicklung in Europa. Der Biopionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Mit Zurück zum Ursprung (Hofer) und Ja! Natürlich entwickelte er zwei der erfolgreichsten Bio-Marken im deutschen Sprachraum.

Auch im Print erschienen im Falstaff Nr. 06/2021

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