Lebensmittel produzieren und trotzdem Artenvielfalt erhalten

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Blick über eine Agrarlandschaft

Die Landwirtschaft ist durch die Umwandlung von Naturräumen in Acker- oder Weideflächen einer der größten Schuldigen für sinkende Artenvielfalt. Immer wieder debattieren Wissenschaftler und Naturschützer, wie diesem Trend entgegengewirkt werden kann, und bringen dafür zwei gegensätzliche Konzepte ins Spiel. Aber vielleicht ist eine Kombination aus beiden der beste Weg?

Wie lässt sich die Artenvielfalt in der Landwirtschaft erhöhen? Dazu gibt es verschiedene Ansätz, dei einem wird versucht die Erträge auf den derzeit bestehenden landwirtschaftlichen Flächen zu maximieren, konventionell zu intensivieren und auf separaten Flächen Naturschutzgebiete einzurichten. Der andere Ansatz fordert eine nicht auf Ertrag optimierte Landwirtschaft, die umweltfreundlich ist und dafür mehr Fläche beansprucht. Flächenbeanspruchung geht jedoch auch immer auf Kosten der Biodiversität.

In der im Mai 2019 erschienenen Studie plädieren die Forscher der Universität Göttingen dafür, die Agrobiodiversität hoch zu halten um Ökosystemleistungen zu sichern, aber betonen auch die Wichtigkeit von Naturschutzflächen. Gleichzeitig soll aber auch die landwirtschaftliche Produktion nicht zu sehr gemindert werden. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift People and Nature erschienen.

Mensch vs. Natur?

„Viele Forscher argumentieren, dass die landwirtschaftliche Produktion auf den bestehenden Flächen intensiviert werden solle, um die Erträge zu steigern und gleichzeitig den landwirtschaftlichen Druck auf die letzte Wildnis zu verringern. Dieser Ansatz wird vor allem in tropischen Ländern verfolgt“, erläutert Dr. Ingo Grass aus der Abteilung Agrarökologie an der Universität Göttingen und Erstautor der Studie. „Allerdings sind Biodiversität und Landwirtschaft oft eng miteinander verflochten und viele Arten sind auch für den Landwirt von Nutzen. In den Kulturlandschaften Europas sind viele schützenswerte Arten an sanft bewirtschaftete Lebensräume angepasst. Diese Arten sind durch die zunehmende landwirtschaftliche Intensivierung bedroht“, ergänzt Prof. Dr. Teja Tscharntke, Leiter der Abteilung.

Die Forschenden beschreiben, dass beide Konzepte Berechtigung haben und gemeinsam angewendet werden sollten. „Moderne und nachhaltige Agrarlandschaften erfordern sowohl landsparende und ertragreiche Produktionsgebiete, unberührte Lebensräume, als auch extensiv bewirtschaftete Flächen. Diese Kombination ermöglicht nicht nur die höchste Artenvielfalt, sondern fördert auch Ökosystemdienstleistungen wie die Bestäubung und biologische Schädlingsregulierung durch Insekten und Feldvögel. Diese sind für eine nachhaltige Agrarproduktion essenziell“, so Grass.

Dazu sollen Landschaftselemente, und verschiedene kleine Lebensräume wie Hecken, Blühstreifen, Baumreihen an Bächen und Flüssen, Brachen etc. in die landwirtschaftlichen Flächen integriert werden. Am besten sind sie untereinander und mit Naturschutzflächen verknüpft. Über diese Strukturen kann das Aussterben von Nützlingen verhindert und deren Ausbreitung gefördert werden. Eine weitere Möglichkeit zur Erhöhung der Artenvielfalt sind Mischkulturen am Feld.

Biodiversität birgt ökonomische Vorteile

Dass die Erhöhung der Artenvielfalt auch ökonomisches Potential birgt, zeigt beispielsweise eine Untersuchung, wo die Schäden durch Blattkäfer (Oulema melanopus) an Winterweizen nahe von Blühstreifen sich um 40 Prozent reduzierten, und dafür die Erntemenge um 10 Prozent stieg. Auch bei Kaffee- und Kakaoplantagen werden stabilere Ernteerträge bei höherer Biodiversität beobachtet.

In manchen Regionen, wo kaum traditionelle Landwirtschaft mehr vorhanden ist, wie beispielsweise im mittleren Westen der USA, muss jedoch sensibler mit der Förderung von naturnahen Lebensräumen umgegangen werden, leider haben sich darin viele eingeschleppte Arten etabliert und mit ihnen auch Schädlinge. Interessant dabei ist, dass heimische Pflanzen eher Nützlinge und invasive eher Schädlinge beherbergen.

Eine artenreiche Landwirtschaft ist möglich

In jedem Fall schlussfolgern die Forschenden, dass Naturschutzgebiete unbedingt zu bewahren sind. Viele Arten kommen mit landwirtschaftlichen Flächen nicht zurecht und brauchen natürliche Lebensräume, wenn sie überleben sollen. Wieder andere Arten haben sich über Jahrtausende an die menschliche Landwirtschaft angepasst. Um letztere zu bewahren, darf es nicht rein in Richtung Intensivierung der Landwirtschaft gehen.

Für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion braucht es somit ein Netz aus Naturschutzgebieten, naturnahen Flächen, extensiv bewirtschafteten aber auch ertragreichen Flächen.

In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, Politikern, Bauern und anderen Stakeholdern könnten Landschaften gestaltet werden, die sowohl das Potential für Ernährungssicherheit als auch hohe Artenvielfalt bergen. Dies beweist weidereinmal, dass wir das Werkzeug für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion bereits in der Hand haben!

Artikel der Redaktion basierend auf einer Presseaussendung der Uni Göttingen. Freigegeben von Dr. Ingo Grass.

 

 

 

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