Biodiversität zahlt sich aus

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Mehrere Menschen stehen im Grünen und betrachten Pflanzen

Wer von uns freut sich nicht über die Farben und den Duft „blumenreicher Muttertagswiesen“? Doch häufige Beweidung und Mahd lassen diese immer mehr verschwinden, dabei brächten die bunten Blüten den Bauern durchaus auch ökonomische Vorteile. In diesem Artikel möchte ich der Frage nachgehen, wie die Erhaltung einer hohen Biodiversität in der Berglandwirtschaft auch wirtschaftliche Vorzüge bringen kann und wie wichtig dabei die Weiterbildung von Bauern und Bäuerinnen ist, sind sie doch schließlich die Erzeuger unserer hochwertigen Lebensmittel.

Biodiversität in der Berglandwirtschaft

Die Berglandwirtschaft im Alpenraum ist seit Jahrzehnten durch Grünland geprägt. Wiesen und Weiden sind komplexe Ökosysteme (Was sind Ökosysteme?), und die darauf zu findende Diversität hängt stark von der Beschaffenheit der Böden, vom herrschenden Klima, der Wasserverfügbarkeit, der Neigung der Fläche und natürlich auch stark von der menschlichen Nutzung ab. Dass diese Nutzung nachhaltig passieren sollte, stellte der Schweizer Walter Dietl schon 1996[1] fest, nur eine sensible und standortangepasste Nutzung gewährleistet, dass das Potential einer Fläche auch langfristig für die Zukunft erhalten bleibt.

Blick über Blumenwiese

Besonders artenreiche einmähdige Wiese in den Karawanken

Das bedeutet nicht, dass die Landwirtschaft aus den Alpen verschwinden muss. Nein, intensiv genutzte Wiesen mit drei oder mehr Schnitten können auf einem landwirtschaftlichen Betrieb genauso Platz haben, wie die typischen zweischnittigen Glatt- und Goldhaferwiesen, oder Magerwiesen, die kaum gedüngt und nur einmal im Jahr gemäht werden. Darüber hinaus kann es intensive Kurzrasenweiden, aber auch extensive Hutweiden oder Almen am Betrieb geben.

Je vielfältiger die Nutzungsformen sind, umso größer ist die pflanzliche und tierische Vielfalt insgesamt. Noch weiter gesteigert wird sie durch Schaffung und Bewahrung von Strukturen wie Hecken, Holzstapel, Teiche oder alte Obstgärten.

Blumenreiches Grasland, wie Blumenwiesen im Fachjargon heißen, zählt zu den Ökosystemen mit der höchsten Vielfalt in Europa, leider ist es gleichzeitig eines der am stärksten gefährdeten. Allzu oft werden Grasländer intensiviert, gedüngt, zu Äckern umgewandelt oder aufgelassen. Fällt die Nutzung durch Nutztiere oder Menschen weg, werden die Flächen schnell vom Wald zurückerobert, was den gesamten Lebensraum grundlegend verändert und verarmen lässt. Es verschwinden zahlreiche seltene und gefährdete Pflanzenarten und mit ihnen Insekten, Vögel, Reptilien und andere Tiere. Sind die Lebensräume erst verloren, dauert die Wiederherstellung Jahrzehnte.

Typische Gründe für die Auflassung sind hohe Kosten für die Bewirtschaftung: die Flächen sind meist steil und schwierig zu bewirtschaften und schwer zu erreichen, spezielle Maschinen und hoher Personalaufwand sind erforderlich. Außerdem sind Heu und Gräser aus diesen Gebieten für die moderne Hochleistungs-Milchproduktion oder Rindermast wenig geeignet. Die hochgezüchteten Kühe können ohne Kraftfutter gar nicht mehr überleben.

Dabei hätte das wiederkäuergerechte Futter von artenreichen Wiesen und Weiden, einschließlich vieler medizinischer Pflanzen, sehr wahrscheinlich positive Auswirkungen auf die Gesundheit und Fitness der Tiere, gleich ob Rinder, Schafe oder Ziegen.

Wirtschaftlicher Vorteil durch gesteigerte Biodiversität

Bisher qualifizierten sich Landwirte durch erhöhte Milchproduktion, Ertragssteigerung, Marketing von Produkten, Betriebswirtschaft, moderne EDV, Maschinen oder ähnliches. Doch der neue Weg ist ein zukunftsweisender und nachhaltiger, nämlich die Erhaltung und Förderung der Biodiversität.

Mit den folgenden drei Ansätzen kann dies sogar einkommensrelevant sein:

1.      Agrarumweltprogramme

Der klassische Ansatz in Agrarumweltprogrammen ist, dass Landwirte Maßnahmen abgegolten bekommen, wie z.B. eine späte Mahd. Ein sehr vielversprechender und neuer Weg sind hingegen ergebnisorientierte Programme[2]. Dabei werden mit dem Bauern Ziele (Ergebnisse) vereinbart, – etwa das Vorkommen von besonderen Pflanzen oder Tieren oder eine Mindestanzahl an verschiedenen Pflanzenarten auf einer Fläche. Die Erreichung der Ziele liegt dann eigenverantwortlich beim Bauern, und erst bei Erreichung fließen Gelder. Auch eine leistungsbasierte Abgeltung kann gewählt werden, je mehr Biodiversität ein Bauer auf seinen Flächen nachweisen kann, umso höher fällt sie aus. Diese neue Fördervariante ist betriebswirtschaftlich sehr interessant, weil die bezahlte Summe höher ist als bei konventionellen Agrarumweltmaßnahmen.

2.      Vermarktung von Produkten aus artenreichem Grünland

Indem Bauern ihren Fokus auf Qualität statt Quantität legten, konnten in den letzten Jahren große Erfolge erzielt werden. Für Heumilch oder Rindfleisch aus biologischer und artgerechter Erzeugung werden deutlich höhere Preise als in der konventionellen Landwirtschaft erzielt und es gibt noch viel Luft nach oben.

Eine mögliche Vermarktung wäre im Top-Lebensmittelsegment über einen eindeutigen Bezug zu Biodiversität – natürlich nur auf Basis von nachvollziehbaren Kriterien und einer Zertifizierung. Je mehr Biodiversität in einem Produkt steckt, umso höher sollte sein Preis sein. Hier ist der Lebensmitteleinzelhandel genauso gefordert, wie einzelne Bauernhöfe oder Kooperationen von Betrieben.

3.      Dienstleistungen mit Bezug zu Biodiversität

Viele landwirtschaftliche Betriebe bieten heute weit mehr als nur die Erzeugung von Lebensmitteln an; sie haben sich auf Dienstleitungen wie Schule am Bauernhof, Urlaub am Bauernhof, Kräuterpädagogik oder Green Care spezialisiert; bei all diesen Aspekten kann auch die Vielfalt von Pflanzen und Tieren am Betrieb genutzt werden.

Ein völlig neuer Ansatz wird in einem Pilotprojekt des ÖKL (Österreichisches Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung) verfolgt. In Train-The-Trainer Schulungen werden Landwirte ausgebildet, damit sie als Biodiversitätsvermittler andere Betriebe der Region beraten können. Für diese Beratungsleistungen werden sie im Projekt angemessen entlohnt.

Personen sitzen an einem Tisch mit großem Plakat

Die Teilnehmer präsentieren ihre Hausaufgaben: Elemente der Vielfalt am eigenen Betrieb

Weiterbildung und Schulung

Alle drei genannten Ansätze setzen ein großes Wissen im Bereich der Biodiversität bei Bauern und Bäuerinnen voraus. Das kann im Rahmen von Seminaren, durch die Teilnahme an Projekten und vor allem durch aktives Beobachten am eigenen Betrieb erlangt werden.

Ein 2007 gestartetes Projekt in Österreich brachte dabei überraschende und erfreuliche Ergebnisse. Rund 700 Bauern und Bäuerinnen beobachten Pflanzen und Tiere auf ihren Wiesen und Weiden (Biodiversitätsmonitoring). Neben den gesammelten Daten erhielten die Teilnehmer ein tiefes Verständnis für Biodiversität und sind deutlich sensibilisiert:

  • Die beteiligten Landwirte haben ein großes Interesse an Natur und Vielfalt und erweitern laufend ihr Wissen durch die Teilnahme an Seminaren und Exkursionen
  • In den meisten Fällen sind mehrere Familienmitglieder aktiv am Monitoring beteiligt
  • 85 Prozent der Teilnehmer wollen ihre Magerwiesen für die Zukunft erhalten und nicht auflassen
  • 75 Prozent der Teilnehmer setzen verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der biologischen Vielfalt um: abgestufte Intensität am Betrieb, Beibehaltung von „Biodiversitätsstreifen“, Anpflanzen von Hecken oder Obstbäumen, späte Schnittzeitpunkte etc.
  • 30 Prozent der Teilnehmer motivieren andere Landwirte Maßnahmen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt umzusetzen

Die Resultate des Projekts zeigen eindrücklich, dass die Weiterbildung von Bauern dazu beitragen kann biodiverse Flächen in der Landwirtschaft zu erhalten. Gleichzeitig erfahren Bauern, wie sie wirtschaftliche Vorteile aus Biodiversität ziehen und zur Einkommensgenerierung nutzen können.

Dies erleichtert auch die oftmals schwierige Frage nach einem Nachfolger, denn ein langfristig ökonomisch starker Betrieb bietet attraktive Möglichkeiten.

Wenn das mal nicht wirklich nachhaltig ist!

Mann mit weißer Kappe hält GrashalmÜber den Autor

Daniel Bogner (geb. 1965 in Wels/OÖ) studierte Landwirtschaft an der BOKU in Wien und arbeitet seit 20 Jahren im Bereich Biodiversität in der Berglandwirtschaft. Er war Mitbegründer und Geschäftsführer eines Umweltberatungsunternehmens und hat zahlreiche österreichweite und internationale Projekte initiiert und geleitet. In den letzten Jahren ist er verstärkt in Bildung und Training tätig.

Quellen

[1] Dietl, W (1996): Das Prinzip des pfleglichen abgestuften Wiesenbaus. In: Ernte – Zeitschrift für Ökologie und Landwirtschaft, Nr. 5/96.

[2] EU ERA-Net Projekt „MERIT“: http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/merit/index.php

 

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