Was ist Biodiversität?

Gottesanbeterin auf Lavendel

Die Jahre 2011 bis 2020 wurden von den Vereinten Nationen zur UN-Dekade der Biodiversität erklärt. Doch warum ist Biodiversität überhaupt wichtig und was bedeutet dieser 1986 erstmals verwendete Begriff? Umgangssprachlich wird Biodiversität oft mit der Vielfalt von Tieren und Pflanzen gleichgesetzt, aber sie umfasst die gesamte Vielfalt der Natur, also deutlich mehr.

Biodiversität beschreibt die biologische Vielfalt in verschiedenen Ebenen:

  • beginnend bei der genetischen Vielfalt,
  • über die Vielfalt aller Arten an Tieren, Pflanzen und Pilzen, vom Einzeller bis zum komplexen Wirbeltier,
  • bis hin zur Vielfalt an Lebensräumen und Ökosystemen, wie Nadelwälder, Moore, tropische Regenwälder, etc.

Genetische Vielfalt

©qimono/pixabay

Die genetische Vielfalt ist nochmals größer und übersteigt wohl die Vorstellungskraft des menschlichen Gehirns, ähnlich wie bei der Unendlichkeit des Alls. Sie umfasst nämlich das Erbgut jeder Rasse, jeder Sorte, jedes Individuums, allein das menschliche Genom enthält etwa 23.000 Gene. Multiplizieren Sie diese Zahl mit der Anzahl der Menschen und Sie haben eine erste Ahnung von der genetischen Vielfalt der Erde.

Artenvielfalt

Über Milliarden Jahre hat sich eine unglaubliche Menge an unterschiedlichen Lebensräumen und Arten herausgeformt, jedes Lebewesen hat sich perfekt an seine Umgebung angepasst und seine Nische gefunden. Die Vollkommenheit des Zusammenspiels fasziniert die Menschheit seit jeher und ist wohl auch der Grund dafür, dass die Schöpfung Göttern zugeschrieben wurde. Die Evoultionstheorie von Darwin und Lamarck stieß auf großen Widerstand. Denn wahrlich übersinnlich und unbegreiflich ist die Vielfalt. Mittlerweile wurden rund 1,7 Millionen Arten an Mikroorganismen, Pflanzen, Tiere und Pilze dokumentiert und beschrieben. Im Jahr 2018 standen 28.338 davon auf der Roten Liste der IUCN, das sind um 6 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Die tatsächliche Artenvielfalt und wohl auch die Gefährdung ist jedoch um ein vielfaches höher, glaubwürdige Schätzungen gehen von 8,7 Millionen Arten weltweit aus.

Vielfalt an Lebensräumen

Lebewesen bewohnen selbst den unwirtlichsten Winkel auf der Welt. Dabei werden elf Großlebensräume unterschieden – Tropische Regenwälder, Tropische Strauch- und Laubwälder, Tropische Savannen, Wüsten, Pinyon-Wacholder-Lebensräume, Hartlaubgehölze, Immergrüne subtropische Laubwälder, Temperierte Laubwälder, Temperierte Grasländer, Nordische Kiefernwälder, Tundra -, die sich wiederum in eine immense Zahl an Ökosystemen auftrennen.

Ein Ökosystem ist eine Gemeinschaft aus Lebewesen innerhalb eines definierten Lebensraums, wie z.B. ein Feldstück, ein Berg, ein Wald, eine Stadt, ein Korallenriff. Die Größe des Systems obliegt dabei dem Betrachter.

Wie steht es um die Biodiversität?

Seit der Erfolgsgeschichte des modernen Menschen stieg die Aussterberate der Arten unnatürlich stark an. Wissenschaftler sprechen von einer 10 bis 100 fach höheren Geschwindigkeit beim Verschwinden von Arten, als durchschnittlich üblich. Die Rate ist um ein vielfaches höher, als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Diese Beobachtungen lassen darauf schließen, dass wir uns am Beginn eines Massenaussterbens befinden.

Fünfmal fanden solche Ereignisse statt, wo über 75 Prozent der lebenden Arten ausstarben – vor 444, 372, 252, 201 und 66 Millionen Jahren. Doch bisher waren Vulkanausbrüche, Meteoriten-Einschläge und ähnliches verantwortlich, aber noch nie nur eine einzige Art, so wie es beim sechsten Massenaussterben der Erdgeschichte der Fall wäre, nämlich die Art Homo sapiens.

Der Weltbiodiversitätsrat-Bericht von Mai 2019

Der im Mai 2019 veröffentlichte Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) gibt ein umfassendes globales Bild zum Zustand der Biodiversität. Mehr als 145 führende Experten und 310 weitere Wissenschaftler aus 50 Ländern haben dafür drei Jahre lang 15.000 Quellen und Studien ausgewertet.

Diese Experten schätzen, dass über 1 Million Pflanzen- und Tierarten vom Aussterben bedroht sind, also etwa ein Achtel. Viele könnten schon in den nächsten Jahrzehnten verschwinden. Das ist eine vorsichtige Schätzung, denn wo umfassendere Daten vorhanden sind, wie bei Wirbeltieren, gehen sie sogar von 25 Prozent Gefährdung aus.

Seit 1900 gibt es um ein Fünftel weniger Landtiere. 40 Prozent der Amphibien-Arten (Frösche, Salamander…), ein Drittel der riffbildenden Korallen, und mehr als ein Drittel aller Meeressäuger (Wale, Robben…) sind vom Aussterben bedroht.

Mindestens 680 Wirbeltierarten sind seit dem 16. Jahrhundert endgültig verschwunden, dazu zählen der flugunfähige Vogel Dodo, diverse Känguru-Arten, der Auerochse, die Pinta-Riesenschildkröte mit seinem weltberühmten letzten Exemplar „Lonesome George“ und viele mehr.

Auch die Agrobiodiversität, die Vielfalt in der Landwirtschaft, ist gefährdet. Seit 2016 sind 9 Prozent der domestizierten Säugetierrassen, die für Lebensmittel und Landwirtschaft genutzt werden, ausgestorben, 1000 weitere sind bedroht. Bei Kulturpflanzen sieht es nicht besser aus, 75 Prozent der Sorten sollen seit Beginn des 20. Jahrhundert verschwunden sein (FAO, 1996), nur 30 Pflanzenarten stellen den Großteil der Ernährung.

Das mag nicht so schlimm klingen, da es vom Menschen gezüchtete Rassen und Sorten sind, doch verarmte Systeme sind weniger resilient – sprich, sie reagieren sehr sensibel auf Krisen, Extremereignisse oder Katastrophen. Angesichts der vermehrt auftretenden Wetterextreme wird es alte robuste Rassen und Sorten brauchen um die Ernährungssicherheit in der Zukunft zu gewähren.

Was sind die größten Bedrohungen für die Biodiversität?

Der IPBES definierte auch erstmals, welche Faktoren die Biodiversität am stärksten bedrohen. Diese sind hier aufgezählt, 1 stellt den größten Schuldigen dar, 5 den kleinsten:

  1. Straße durch landwirtschaftliches Gebiet, im Hintergrund WindräderLand- und Meeresnutzungsänderungen
    Mehr als ein Drittel der Landesoberfläche und drei Viertel der Süßwasservorkommen werden für die Landwirtschaft genutzt. Die landwirtschaftliche Pflanzenproduktion hat in den letzten 50 Jahren um 300% zugenommen, die Holzernte ist um 45 Prozent gestiegen. Stadtgebiete haben sich seit 1992 mehr als verdoppelt.
  2. Direkte Ausbeutung der Organismen
    Jährlich werden 60 Milliarden Tonnen erneuerbare und nicht erneuerbare Ressourcen weltweit entnommen, das ist beinahe doppelt so viel wie noch 1980.
  3. Klimawandel
    Seit 1980 haben sich die Treibhausgasemissionen verdoppelt. Mit den steigenden Temperaturen könnten die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität, die von Nutzungsänderungen und anderen Schuldigen überholen.
  4. Verschmutzung
    Die Plastikverschmutzung hat sich seit 1980 verzehnfacht, 300-400 Millionen Tonnen an Schwermetallen, Lösungsmitteln, toxischem Schlamm und anderen Industrieabfällen werden jährlich in Gewässer entlassen. Düngemittel, die in Küstenökosysteme ausgeschwemmt wurden, haben zu 400 „toten Meeresarealen“ mit einer gesamten Fläche von 245 000 km² geführt. Pestizide, wie die sehr gefährlichen Neonicotinoide führen zu einem starken Artenrückgang.
  5. Invasive Arten
    In den 21 Ländern, wo eingeschleppte Arten ausreichend dokumentiert sind, haben sie seit 1970 um70% zugenommen. Oft breiten sie sich explosionsartig aus und verdrängen die heimischen Arten.

Warum ist Biodiversität wichtig?

Gerade wegen der schier unersättlichen Vielfalt des Planeten Erde, verstehen viele nicht, warum die Erhaltung von einzelnen Arten, Sorten und Ökosystemen so wichtig sein soll. Klarer wird es, wenn sie begreifen, dass alle natürlichen Vorgänge in einem Beziehungsgeflecht stehen, das Verschwinden einer Art könnte somit eine unvorhersehbare Aussterbewelle anstoßen. Das Verschwinden von tropischen Wäldern nimmt beispielweise massiven Einfluss auf das Weltklima.

Die menschliche Zivilisation braucht die Biodiversität. Die Natur schenkt uns täglich Nahrung, Energie und Rohstoffe. Mehr als 75 Prozent der Feldfrüchte weltweit (Obst, Gemüse, Kaffee, Kakao…) sind von Bestäubern abhängig. In intakten Ökosystemen haben große Schädlingsaufkommen keine Chance. Biodiversität versorgt uns mit Arzneistoffen, sauberer Luft, reinigt unser Trinkwasser, unsere Böden, schützt uns vor Naturkatastrophen und reguliert das Klima. Meeres- und Landökosysteme nehmen jährlich 60 Prozent der menschlichen Triebhausgasemissionen auf.

Aber die Natur wirkt sich auch auf unsere Psyche heilsam aus und hebt die Lebensqualität des Menschen.

Manche dieser Leistungen lassen sich durch menschliche Technologien teuer ersetzen, viele hingegen nur schwer oder leider gar nicht.

Die Erhaltung der Biodiversität ist somit essentiell, wenn wir den menschlichen Fortbestand sichern wollen. Die Naturvielfalt bewahrt uns eine Wahlfreiheit angesichts einer unsicheren Zukunft.

The diversity of nature maintains humanity’s ability to choose alternatives in the face of an uncertain future. – IPBES

Freundlich lächelnde Frau mit dunklem langen HaarÜber die Autorin

Dr. Isabell Riedl ist seit 2012 als Nachhaltigkeitsbeauftragte und in der Kommunikation der Werner Lampert GmbH tätig. Sie studierte Ökologie mit Schwerpunkt Natur- und Landschaftsschutz und Tropenökologie an der Universität Wien. Ihre Dissertation verfasste sie über die Bedeutung von Baumreihen in landwirtschaftlichen Gebieten für Waldvögel in Costa Rica. Zeit ihres Lebens hat sie sich insbesondere der ökologischen Nachhaltigkeit verschrieben. Sie ist Teil des Redaktionsteams des Online-Magazins „Nachhaltigkeit. Neu denken.“

 

Quellen:

 

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