Ernährungssouveränität, eine Alternative zur neoliberalen Globalisierung

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Demonstrierende Menge

Im April 1996 erklärte die Arbeitsgruppe „Ernährungssouveränität“ im Rahmen der zweiten internationalen Konferenz von La Via Campesina (siehe Fußnote 1) in Tlaxcala (Mexiko): „Aufgrund des neoliberalen Wirtschaftsmodells, von dem die Welthandelsorganisation (WTO) ausgeht, sind Boden, Wasser, Saatgut und natürliche Ressourcen nicht mehr von kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben abhängig, sondern von großen Unternehmen.“ Nach dem GATT-/ WTO-Abkommen 1994 war es den Bauern von La Via Campesina klar, dass sie in Zukunft in immer geringerem Maß selbst über ihre Betriebe bestimmen können: Die wichtigen landwirtschaftlichen Entscheidungen werden ab sofort auf globaler Ebene getroffen. Um ihre Alternative zu dieser neuen Entfremdung zu benennen, schien ihnen „Ernährungssouveränität“ der richtige Ausdruck zu sein.

Warum Ernährungs- und nicht Agrarsouveränität? Weil das Thema die gesamte Gesellschaft betrifft, nicht nur Bauern und Fischer.

Im Jahr 2003 wurde der Begriff Ernährungssouveränität von La Via Campesina in einem Satz zusammengefasst: „Ernährungssouveränität ist das RECHT aller Völker, Länder oder Ländergruppen, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu definieren, ohne Dumping gegenüber Drittländern“. Kein Recht (die eigene Agrarpolitik zu definieren) ohne Pflicht (anderen Landwirtschaften nicht zu schaden).

Doch für transnationale Unternehmen musste die Neoliberalisierung des internationalen Handels im Rahmen einer neuen WTO-Verhandlungsrunde noch weiter gehen. Im Jahr 1999 war La Via Campesina in Seattle an einer starken Mobilisierung der Zivilbevölkerung beteiligt, welche die Konferenz zum Scheitern brachte. Zwei Monate nach dem 11. September 2001 begann eine neue Verhandlungsrunde in Doha, doch die folgenden Konferenzen in Cancún (2003) und Hongkong (2005), die von aktiven Protesten begleitet wurden, an denen auch Via Campesina teilnahm, scheiterten erneut.

Das Handelsabkommen von 1994 wurde jedoch weiterhin nicht in Frage gestellt. In weiterer Folge änderte La Via Campesina ihre Strategie (siehe Fußnote 2) und erweiterte das Konzept der Ernährungssouveränität, indem sie es als Mittel zur Mobilisierung für konkrete Änderungen auf lokaler Ebene einsetzte. Als Reaktion auf die globale Ernährung wurde eine Vielzahl von lokalen Initiativen gegründet, die Landwirte und Konsumenten enger zusammenbrachte und gerechtere Preise für die Landwirte sowie ein höheres Maß an Selbstverwaltung zum Thema hatten. Es wurden lokale und nationale Aktivitäten in Bezug auf Boden und Saatgut, gegen Massentierhaltung usw. ins Leben gerufen, um den Anspruch zu erheben, dass Landwirtschaft vermehrt auf nachhaltig bewirtschafteten Familienbetrieben basieren sollte.

Beim internationalen Nyéléni Forum in Mali 2007 wurden sechs Säulen definiert: Ernährungssouveränität „legt den Schwerpunkt auf die Ernährung der Bevölkerung, die Wertschätzung von Lebensmittelherstellern, die Etablierung lokaler Produktionssysteme, die Stärkung der lokalen Kontrolle, die Entwicklung von Wissen und Fertigkeiten sowie die Arbeit mit der Natur“.

In Europa wurden zwei Nyéléni-Europe-Foren in Krems (Österreich, 2001) und Cluj Napoca (Rumänien, 2016) organisiert, an denen viele lokale und nationale Gruppen, die sich mit Ernährungssouveränität beschäftigen, teilnahmen. In Cluj trafen 290 Organisationen der Zivilgesellschaft aus 43 europäischen Ländern aufeinander: Bauern, Fischer, Viehhalter, indigene Völker, Konsumenten, Gewerkschaften, Organisationen für Umweltgerechtigkeit, Solidarität und Menschenrechte, Ernährungsbewegungen auf Gemeinschaftsbasis, Journalisten und Forscher, die auf verschiedenen Ebenen an der Ernährungssouveränität in Europa arbeiten.

 

Jetzt, nach 22 Jahren, ist Ernährungssouveränität ein Begriff, der hauptsächlich von Regierungen, NGOs usw. verwendet wird. Es kommt vor, dass Völker, Organisationen oder Regierungen das Konzept missbräuchlich verwenden und es mit Ernährungssicherung, Selbstversorgung oder Autarkie vermischen.

Bei Ernährungssicherung handelt es sich um ein anderes Konzept, das es der Bevölkerung ermöglicht, genügend Lebensmittel zur Verfügung zu haben; dabei spielt es keine Rolle, woher diese kommen oder wie sie hergestellt wurden.

Ernährungssouveränität bedeutet weder Autarkie noch Selbstversorgung und auch nicht einen Rückzug innerhalb der Landesgrenzen. Ernährungssouveränität lehnt den internationalen Handel nicht ab, weist jedoch dem Handel seinen richtigen Platz zu, und sie verlangt neue Regeln für den internationalen Handel, die auf einem fairen Austausch und Respekt für Bauern, Feldarbeiter, Konsumenten und die Umwelt beruhen. So wird es zum Beispiel keine Ernährungssouveränität geben, solange die EU, die USA usw. Lebensmittel zu Preisen exportieren, die unter den Herstellungskosten liegen – dank raffinierter Regelungen (die „Grüne Box“) der WTO (siehe Fußnote 3). Die aktuelle Gemeinsame Agrarpolitik (EU) bzw. das aktuelle Agrargesetz der USA schaden weiterhin der Landwirtschaft in Drittländern, ohne ihren eigenen Bauern ein faires Einkommen zu gestatten.

 

Auf lokaler Ebene florieren Tausende von Initiativen, die sich auf Ernährungssouveränität berufen. Agrarökologische Praktiken werden entwickelt. Beide Prozesse dienen als Wegbereiter für nachhaltige lokale Lebensmittel. Doch es reicht immer noch nicht aus. Denn obwohl die Doha-Runde gestorben ist gelten die WTO-Regeln von 1994 immer noch, ergänzt durch Dutzende bilaterale oder regionale „freie“ Handelsabkommen, und auch die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union beruht darauf.

Solange die Agrarpolitik nicht auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene neu ausgerichtet wird, werden transnationale Lebensmittelunternehmen und Großhändler unser Lebensmittelsystem kontrollieren, die externen Kosten der industrialisierten Landwirtschaft (Gesundheit, Umwelt, Klima, Biodiversität, Wüstenbildung in ländlichen Gebieten,…) werden weiterhin steigen und nachhaltige Familienbetriebe werden immer weniger werden.

Stellen wir Ernährungssouveränität in den Mittelpunkt unserer Politik und unserer Gewohnheiten in Bezug auf Nahrungsmittelkonsum.

Meine Tipps für mehr Ernährungssouveränität:

  • Kaufen Sie lokale biologische Lebensmittel
  • Treten Sie Bewegungen der Zivilgesellschaft bei
  • Treten Sie für Agrarökologie und gegen Massentierhaltung in Ihrer Region ein
  • Setzen Sie Maßnahmen gegen Junk-Food
  • Richten Sie Gärten und Kochkurse in Volksschulen ein
  • Setzen Sie sich bei Regierungen und der EU für Agrar- und Handelspolitik auf der Basis von Ernährungssouveränität ein.

 

Portrait eines Mannes mit kurzen grauen Haaren und BrilleÜber den Autor

Gérard Choplin ist freiberuflicher Analytiker und Autor zum Thema Landwirtschaft, Lebensmittel und Handelspolitik. Der französische Agrarwissenschafter lebt in Brüssel. Von 1988 bis 2008 war er Koordinator der Europäischen Bauernkoordination und von 2008 bis 2013 Verantwortlicher für die Politik der Europäischen Koordination Via Campesina.

Er ist Autor von „Paysans mutins, paysans demain: pour une autre politique agricole et alimentaire“ – Ausgabe Yves Michel – 2017

Fußnoten

  1. 1993 gegründete weltweite Bauernbewegung – www.viacampesina.org
  2. Vgl. Michel Buisson, Conquérir la souveraineté alimentaire, L’Harmattan, 2013, Seite 31
  3. Im Jahr 1994 gelang es den USA und der EU im Rahmen des GATT-/WTO-Abkommens, eine Kategorie von Subventionen, die von der Erzeugung abgekoppelt und unbegrenzt sind, zu schaffen (Grüne Box), die bei der WTO nicht hinterfragt werden kann und die es erlaubt, dass Preise unter den Herstellungskosten des exportierenden Landes liegen. In Wirklichkeit ersetzen sie Exportsubventionen (Beschönigung von Dumping).
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