Neonicotinoide – unaussprechlich gefährlich

Tote männliche Amsel liegt auf beigem Untergrund

Neonicotinoide – kaum jemand kann sie aussprechen, gelten unter Wissenschaftlern mittlerweile als ebenso gefährlich, wie das Anfang der 70er Jahre verbotene DDT. Was bei Glyphosat zur Diskussion steht, nämlich wie schädlich es für Organismen ist, ist bei Neonicotinoiden bewiesen. Für einen Spatz genügt der Verzehr von 1-2 behandelten Samen um die tödliche Dosis zu erreichen.

Neonicotinoide wurden in den 70ern entdeckt, und in den 90ern mit Imidacloprid von der Bayer AG kommerzialisiert. „Neo-nicotin-oide“ sind synthetische Nikotinverbindungen, die als Nervengift wirken. Es handelt sich dabei um Pestizide mit „systemischer Wirkung“, das heißt, dass die Wirkstoffe mit denen beispielsweise Saatgut vor der Ausbringung behandelt wird (=beizen), nicht auf dem Saatgut verbleiben. Aufgrund der guten Wasserlöslichkeit von Neonicotinoiden, werden sie in der Pflanze weitertransportiert und verteilen sich in allen Pflanzenteilen, so auch dem Pollen und Nektar. Dies ist auch beabsichtigt, denn so sterben alle Schädlinge, die Pflanzenteile fressen, sei es die Wurzel oder das Blatt.

Die einfache Anwendung und vermeintlich geringe Giftigkeit für Säugetiere machten Neonicotinoide innerhalb kurzer Zeit sehr erfolgreich und Imidacloprid zählt mittlerweile zu den weitest verbreiteten Insektiziden weltweit.

Schädlichkeit unübersehbar

Immer mehr Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Insektiziden aus der Gruppe der Neonicotinoide und dem Zusammenbruch von Bienenvölkern und Verringerung bestäubender Insektenarten. Im Jahr 2008 verursachte das Neonicotinoid Clothianidin, ein Nachfolger von Imidacloprid, ein Massensterben von Bienenvölkern im Oberrheintalgraben, da das Mittel schlecht auf dem Maissaatgut haftete.

Bei richtiger Anwendung sind Neonicotinoide nicht direkt tödlich für Bienen, doch sie führen zu Veränderungen im Verhalten, wie schlechterer Brutpflege, vermindertem Sammeln von Nahrung und Orientierungslosigkeit. Die ausgebrachten Insektizide werden aber natürlich nicht nur von Bienen aufgenommen, sondern auch von anderen nektarsammelnden und pflanzenfressenden Insekten und Lebewesen.

 

Grafik mit Prozentangaben, gemalten Bäumen, Weizen und Tieren

Grafik “Das Schicksal von Neonicotinoiden in der Umwelt” von Goulson, D. (2014). Ecology: Pesticides linked to bird declines. Nature, 511(7509), 295.

Neonicotinoide sind überall

  • Neonicotinoide werden nur schlecht von den behandelten Pflanzen aufgenommen, 94 Prozent der ausgebrachten Menge wird verblasen und reichert sich im Boden, Wasser, und in anderen Organismen an (Nature 2014).
  • In den nächsten Jahrzehnten werden 40% der Insektenarten aussterben, wenn wir weitermachen wie bisher. Neonicotinoide und Fipronil sind besonders schädlich (Biological Conservation 2019).
  • In den Niederlanden wurde ein starker Rückgang bei insektenfressenden Vogelarten seit der Zulassung von Neonicotinoiden Mitte der 1990er Jahre in landwirtschaftlichen Regionen verzeichnet, besonders dort, wo hohe Konzentrationen des Neonicotinoids Imidacloprid eingesetzt wurden (Nature 2014).
  • In den Federn von 617 Spatzen rund um konventionelle und biologische Felder wurde mindestens ein Neonicotinoid gefunden, nahe konventionellen in weitaus höherer Konzentration. Die Studienautoren schließen daraus, dass Neonicotinoide in der Umwelt bereits stark verbreitet sind (ScienceDirect 2019).
  • Die Aufnahme von 1-2 mit Neonicotinoiden behandelten Samen kann für kleine Vogelarten bereits tödlich enden (Environmental research 2015).

Vogelbestände werden somit nicht nur indirekt durch den Rückgang der Nahrungsquelle Insekten, sondern auch durch die direkte Aufnahme von Neonicotinoiden, was zu schwerwiegenden neurologischen Störungen führt, massiv bedroht.

Neonicotinoide sind doch bereits verboten!?

Nachdem auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die negative Wirkung von Neonicotinoiden auf Bienen bestätigte, schränkte die Europäische Kommission im Jahr 2013 den Einsatz von drei Neonicotinoiden ein. Diese Beschränkung betrifft Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid. Fünf weitere Neonicotinoide sind jedoch weiterhin im Pflanzenschutz zugelassen. Hierzu gehören die Stoffe Acetamiprid, Dinotefuran, Nitenpyram, Nithiazin und Thiacloprid. Sie gelten als geringer toxisch für Bienen.

Weiters gibt es in diversen EU-Ländern Notfallzulassung für den Einsatz von Neonicotinoiden, so beispielsweise bei Zuckerrüben in Österreich. Damit gab das Bundesamt für Ernährungssicherheit dem Druck der Agrarwirtschaft nach. Die Zulassung erfolgte mit dem Argument, dass Zuckerrüben nicht zum Blühen kommen, und Bienen somit nicht geschädigt werden. Was ist jedoch mit all den anderen Tieren, die das Nervengift aufnehmen? Vergessen Sie nicht, dass 94 Prozent der ausgebrachten Neonicotinoide im Boden, Wasser, und in anderen Organismen statt der behandelten Pflanze landen. Warum ist kein Verbot sämtlicher Neonicotinoide wie in Frankreich möglich?

Gibt es einen Ausweg?

In Österreich gingen im Jahr 2018 25 Prozent der konventionellen Zuckerrüben-Ernte an Schädlinge verloren, trotz Einsatz von Neonicotinoiden wohlbemerkt. Im Bio-Bereich waren es sogar 86 Prozent, da hier erschwerend hinzukam, dass landwirtschaftliche Helfer zum Unkrautjäten fehlten.

Bedeutet das, dass es ohne Pestizide nicht geht? Nein, es bedeutet leider, dass wir schon lange den Weg der guten landwirtschaftlichen Praxis verlassen haben und durch den jahrzehntelangen Einsatz von Pestiziden, die natürlichen Fraßfeinde ausgerottet haben. In Österreich gingen in den letzten 30 Jahren 70 Prozent der Wirbeltiere verloren, Agrarvögel sind besonders betroffen. Auch der Rückgang der Insekten ist enorm. Mannigfaltige landwirtschaftliche Strukturen wie Hecken, Brachflächen und somit Rückzugsgebiete für Nützlinge wurden vernichtet, das kann auch der jetzt zunehmende Biolandbau nur langsam wettmachen. Sinnvolle Praktiken, wie der Anbau von humuszehrenden Pflanzen wie Zuckerrüben nur alle 6 Jahre, gerieten in Vergessenheit.

Wollen wir die Artenvielfalt zurückgewinnen und aus dem Teufelskreis der Abhängigkeit von Chemiekonzernen ausbrechen, brauchen wir eine Landwirtschaft ohne Pestizide. Ein Positivbeispiel ist der Bio-Landbau, der fast ohne, bzw. bei Prüf Nach! vollständig ohne chemisch-synthetische Pestizide auskommt. Nicht ohne Grund ist der Biolandbau dem konventionellen bei der Biodiversität am deutlichsten überlegen. Laut einer im Jänner 2019 erschienen Studie sind die durchschnittlichen Artenzahlen der Ackerflora bei Bio um 95 Prozent, der Feldvögel um 35 Prozent und der blütenbesuchenden Insekten um 23 Prozent erhöht. Die Biomasse von Regenwürmern war um 78 bzw. 94 Prozent höher.

Es braucht eine Landwirtschaft mit vielgestaltigen Strukturen wie Einzelbäumen, Hecken, nicht bewirtschafteten oder gemähten Brachflächen und mäandernden Bächen. Die Fortbildung und Sensibilisierung von Bauern spielt dabei eine Schlüsselrolle, eine weitere, dass die gesetzten Maßnahmen für Bauern leistbar sind. Das kann entweder über Förderungen von Ländern oder durch Kostenwahrheit passieren. Müssten Betriebe die Umweltkosten, die sie z.B. durch Pestizideinsatz verursachen, mittragen, wäre diese rasch gegeben. Umweltschonende und naturschützende Produkte wären die günstigsten.

Die Landwirtschaft war früher einmal ein Teil der Naturlandschaft und nicht der Industrie. Sie hat die Artenvielfalt sogar erhöht anstatt vermindert. Es wäre schön, wenn wir zu diesem Verständnis wieder zurückkehrten.

Freundlich lächelnde Frau mit dunklem langen HaarÜber die Autorin

Dr. Isabell Riedl ist seit 2012 als Nachhaltigkeitsbeauftragte und in der Kommunikation der Werner Lampert GmbH tätig. Sie studierte Ökologie mit Schwerpunkt Natur- und Landschaftsschutz und Tropenökologie an der Universität Wien. Ihre Dissertation verfasste sie über die Bedeutung von Baumreihen in landwirtschaftlichen Gebieten für Waldvögel in Costa Rica. Zeit ihres Lebens hat sie sich insbesondere der ökologischen Nachhaltigkeit verschrieben. Sie ist Teil des Redaktionsteams des Online-Magazins „Nachhaltigkeit. Neu denken.“

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