„Unser Planet hat seine Grenzen“

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Mann in Anzug kurzen Haaren und getrimmtem Bart steht auf einer Bühne

Die Menschheit wird eines Tages den Mars besiedeln – davon sind Visionäre überzeugt. Doch noch haben wir nur einen Planeten, die Nachfrage nach Rohstoffen steigt und der Zugang wird schwieriger. Zudem nehmen die mit der Ressourcennutzung einhergehenden Auswirkungen auf Ökologie und Menschen zu und wir sind dabei, die planetaren Grenzen zu überschreiten. Das bestätigt Stephan Lutter von der Wirtschaftsuniversität Wien. Lassen sich diese Grenzen eigentlich messen? Und wie müsste ein ökologisch tragfähiges Wirtschaftssystem der Zukunft aussehen? Der Experte für nachhaltige Ressourcennutzung im Interview.

Herr Lutter, der Mensch hat sich die Erde „untertan gemacht“ – das zeigt auch die Benennung unseres Zeitalters als Anthropozän. Warum sind wir immer noch abhängig von der Umwelt?

Unsere Gesellschaft funktioniert wie ein menschlicher Organismus. Wie unser Körper hat auch ein gesellschaftliches System einen Stoffwechsel. Bei beiden kommt etwas rein und geht etwas raus – von Wasser über Nahrungsmittel und Luft bis zu Rohstoffen. Das Problem bei der Gesellschaft ist: Je mehr und je schmutzigere Stoffe wir hindurchschicken, desto größer sind die Umweltbelastungen. In der ökologischen Ökonomie gehen wir davon aus, dass es planetare Grenzen gibt. Wir schauen uns daher genau an, wie viel wir wovon nutzen und ob wir an diese Grenzen stoßen.

Ihre Dissertation basiert ja auf dem Konzept der Planetary Boundaries und dass unsere Erde Belastungsgrenzen hat. Welche Fronten überschreiten wir bereits?

Das Konzept der Planetary Boundaries hat neun Kategorien festgelegt. Es zeigt, dass wir beim Artensterben und beim Phosphorkreislauf – Phosphor ist ein in der Landwirtschaft stark nachgefragtes Düngemittel – die Grenze überschritten haben und beim Klimawandel im sehr riskanten Bereich sind. Was aus dem Konzept auch hervorgeht: Beim globalen Wasserverbrauch scheint alles in Ordnung. Das ist ein Punkt, bei dem man zu diskutieren beginnen kann. Denn bei Wasser ist es schwer, globale Grenzen zu definieren, da die regionalen Vorkommen sehr unterschiedlich sind.

Planetary Boundaries – das Konzept

Wo sind die Grenzen unserer Erde? Eine Antwort auf diese Frage lieferte 2009 ein 28-köpfiges Wissenschaftlerteam unter der Leitung des schwedischen Resilienzforschers Johan Rockström. Ihr Konzept der Planetary Boundaries definiert die ökologischen Grenzen der Erde. Im Jahr 2015 wurde es einem Update unterzogen. Es umfasst neun Dimensionen: Klimawandel, Intaktheit der Biosphäre, biogeochemische Kreisläufe, Landnutzungsänderung, Belastung durch Chemikalien, atmosphärische Aerosol-Belastung, Meeresversauerung, Süßwassernutzung und stratosphärischer Ozonabbau. Das Konzept wurde in Teilen von der internationalen Klimapolitik als Ziel übernommen.

Das Ziel Ihrer Arbeit ist, die ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen unserer Ressourcennutzung zu messen und Grenzwerte festzulegen. Um welche Indikatoren geht es?

Zum einen gibt es territoriale Indikatoren. Sie messen den Ressourcenverbrauch innerhalb eines Landes – etwa den CO2-Ausstoß oder die Bodennutzung. Zum anderen gibt es konsumbasierte Indikatoren. Diese hinterfragen: Welche Ressourcen wurden entlang der Wertschöpfungsketten jener Dinge eingesetzt, die wir in einem Land konsumieren? Nehmen wir als Beispiel ein Auto. Darin steckt Aluminium. Dieses wird in sehr energieaufwändigen Verfahren aus Bauxit gewonnen, wobei wiederum große Mengen an Abfällen und Abwasser entstehen. Ein Auto enthält nun also Aluminium als Bauteil; berechne ich aber seinen sogenannten Materialfußabdruck, so addiere ich zur Masse des Aluminiums auch alle Rohstoffe, die entlang der einzelnen Produktionsschritte vom Bauxitfelsbrocken bis zum Aluminiumbauteil eingesetzt wurden.

Ihr Fokus liegt vor allem auf dem Thema der globalen Wassernutzung. Warum sollte es uns nicht egal sein, woher das Wasser für unsere Produkte kommt?

In meiner Arbeit geht es beispielsweise um folgende Fragen: Wie viel Wasser steckt in den landwirtschaftlichen Produkten, die wir in der EU konsumieren? Wo kommt es her? Und wie schaut es in diesen Gebieten mit der Wasserversorgung aus? Ein Beispiel: Wenn das Wasser für ein Lebensmittel aus dem Indus-Gebiet in Pakistan stammt und dort ganzjährig Wasserknappheit herrscht, dann leisten wir als Konsumenten mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einen Beitrag dazu. Es geht also immer darum, das Ganze im Auge zu behalten – und daraus dann Rückschlüsse auf unser Verhalten beim Konsum und in der Politik zu ziehen. Wasser spielt übrigens auch in anderen Sektoren eine große Rolle: Aktuell starten wir an der WU ein fünfjähriges Forschungsprojekt, bei dem ich mich speziell auf die weltweite Wassernutzung im Bergbau konzentriere. Hier hat neben dem Thema der Wasserknappheit auch jenes der Wasserverschmutzung eine große Bedeutung.

Ist der Bergbau denn tatsächlich so relevant?

Es gibt natürlich Sektoren, die mehr Wasser verbrauchen. Jedoch sind die lokalen Auswirkungen besonders gravierend. Es ist daher wichtig zu schauen, was anschließend mit den Produkten passiert. Der Bergbausektor beliefert mit seinen Erzeugnissen den Verarbeitungssektor und erst nach zahlreichen Stationen halten wir das fertige Smartphone in der Hand. Da hängt sehr viel dran – und mit jedem Smartphone haben wir dann einen Beitrag zur Wasserverschmutzung in einer bestimmten Mine geleistet. Ein großer Rohstoffnutzer ist der Baubereich. Auch hier gilt es zu fragen: Welche Rohstoffe werden eingesetzt? Wie lang ist die Lebensdauer der Produkte? Welches Dämm-Material kommt zum Einsatz? Wie sieht es mit dem Recycling aus? Da ist es wieder wichtig, die gesamte Wertschöpfungskette zu betrachten, um Einsparpotentiale zu identifizieren.

Viele Leute achten darauf, Plastik zu vermeiden. Gleichzeitig besitzt fast jeder ein Smartphone, das umweltbelastende Rohstoffe enthält. Wissen wir zu wenig über das Thema?

Die breite Masse weiß nicht viel darüber. Einzig der Begriff des „Urban Mining“ ist etwas bekannter. Hier geht es darum, Rohstoffe aus nicht mehr benötigter Infrastruktur oder Abfällen wiederzugewinnen. Das heißt, dass zum Beispiel ein Smartphone im Idealfall beispielsweise in die Ö3-Wundertüte wandert und die Metalle anschließend recycelt werden. Politisch gesehen ist hier die Kreislaufwirtschaft ein aktuelles Konzept. Da geht es darum, effizienter zu werden und Produkte schon bei der Herstellung so zu designen, dass sie leichter reparierbar, Bestandteile austauschbar und recycelbar sind. In der Realität braucht es allerdings noch viele Maßnahmen – auch auf rechtlicher und politischer Ebene – um dieses zukunftsfähige Konzept umzusetzen.

Die Kreislaufwirtschaft spielt auch in aktuelle globale Ziele wie die Sustainable Development Goals hinein. Reicht das aus, um die Grenzen unseres Planeten zu wahren?

Es ist ein Puzzleteil. Ich glaube aber nicht, dass die Kreislaufwirtschaft alleine ausreicht. Der Grund: Politisch wird der Fokus vor allem auf die steigende Effizienz gelegt. Aber wenn ich effizienter werde, kann ich auch mehr verkaufen und verwende gleich viele oder sogar mehr Rohstoffe als vorher – der viel zitierte Rebound-Effekt tritt ein. Unser Ziel muss sein, das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung zu entkoppeln. Also wachsen und trotzdem weniger Ressourcen verbrauchen. Ob das überhaupt funktioniert? Das ist zurzeit die große Frage, auf die es noch keine eindeutige Antwort gibt.

„Es braucht mutige Menschen, die Visionen für ein neues Wirtschaftssystem in die Tat umsetzen.“ Stephan Lutter, Experte für nachhaltige Ressourcennutzung

Stichwort Best-Case-Szenario: Wie muss aus Ihrer Sicht unser Wirtschaftssystem in der Zukunft aussehen, damit es ökologisch tragfähig ist?

Aktuell gibt es viele große Ideen, die davon ausgehen: Wir müssen unser gesamtes System überdenken. Funktioniert eine Wirtschaft ohne Wachstum? Bisher wurden entsprechende Konzepte noch nicht in der Praxis angewandt, da niemand die Verantwortung für unvorhersehbare Auswirkungen tragen will. An einer Wirtschaft ohne Wachstum – und damit verbunden dem geringeren Bedarf an Arbeit – hängen weitere heiße Diskussionsfelder wie die 30 Stundenwoche oder das bedingungslose Grundeinkommen. Es braucht mutige Menschen, die solche Visionen in die Tat umsetzen, quasi „learning by doing“. Das ist meine Hoffnung für die Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch!

Portrait eines Mannes mit getrimmten Bart, leicht lächelnd

©Institute for Ecological Economics, Wirtschaftsuniversität Wien

Über Stephan Lutter

Dr. Stephan Lutter (geboren 1978 in Wien) ist stellvertretender Leiter der Forschungsgruppe „Nachhaltige Ressourcennutzung“ am Institute for Ecological Economics an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er studierte Kulturtechnik und Wasserwirtschaft sowie Naturressourcenmanagement an der Universität für Bodenkultur in Wien und der Lincoln Universität in Neuseeland. Anschließend promovierte er im Fach Ecological Economics.

Quelle: Interview mit Stephan Lutter am 8.5.2018

Artikel der Redaktion

 

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