Ist Bio wirklich die Zukunft?

Flugaufnahme von einem großen Feld, ganz klein sind Menschen sichtbar

In den letzten Wochen kursierte auf Twitter und Landwirtschafts-Plattformen eine neu veröffentliche Studie der Uni Göttingen von Eva-Marie Meemken und Matin Qaim. Die zwei Agrarwissenschaftler stellten die Frage, ob Bio-Landwirtschaft in der Zukunft die nachhaltigste Lösung ist, und beantworten dies mit „Nein“.

Die Aussage, die in den Medien am meisten kommuniziert wird, ist, dass Bio zu viel Fläche verbraucht im Vergleich zu konventionellen Systemen und daher nicht umweltfreundlicher wäre. Bei Bio seien die Erträge pro Hektar deutlich geringer und somit können 9 Milliarden Menschen nicht ernährt werden, ohne die landwirtschaftlichen Flächen auf Kosten artenreicher Wälder auszudehnen.

In diesem Artikel wird die Publikation „Organic Agriculture, Food Security, and the Environment“ genau analysiert und unter die Lupe genommen. Kursiv geschriebener Text gibt Feststellungen der Studie wieder.

Bio ist die Minderheit

Meemken und Qaim betonen gleich in der Einleitung, dass Bio die Welt nicht ernähren kann und unterstreichen dies damit, dass heutzutage weltweit nur 1 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche biologisch bewirtschaftet wird. Dabei handelt es sich jedoch nur um die zertifizierten Betriebe. Die tatsächliche Fläche ist schwer abzuschätzen, da lediglich die Hälfte aller Staaten überhaupt öffentliche Bio-Standards hat. Dennoch hängt der Großteil der globalen Landwirtschaft sicherlich vom Einsatz von Pestiziden und industriellem Dünger ab.

Und so schädlich diese zwei Komponenten für die Umwelt auch sind und alle negativen Auswirkungen außer Acht lassend, haben sie trotzdem die konventionelle Landwirtschaft so effizient gemacht, dass in den letzten Jahrzehnten der Welthunger reduziert werden konnte.

Daraus schließen die zwei Wissenschaftler, dass die Umstellung auf Bio sehr problematisch wäre. Die Zahl von 800 Millionen unterernährten Menschen könnte wieder zunehmen. Diese Schlussfolgerung ist jedoch nicht ganz richtig. Überraschenderweise erzeugen wir nämlich schon heute genug Nahrung für 9 Milliarden Menschen, die aber, wie so viele andere Ressourcen auch, maßlos verschwendet oder falsch genutzt wird.

Deutlich macht dies, dass wir neben 800 Millionen unterernährten, gleichzeitig bereits 2,2 Milliarden übergewichtige Menschen zählen. Jeder dritte Mensch isst zu viel! Zusätzlich wird global jedes dritte Lebensmittel ungenutzt vernichtet, zeigen Statistiken der UN-Ernährungsorganisation FAO. Und ein weiterer wesentlicher Aspekt: Wir essen zu viel Fleisch und tierische Produkte. Zwei Drittel der Ackerfläche dienen der Ernährung von Nutztieren, was eine unfassbare Verschwendung darstellt. Anstatt hier anzusetzen, errechnen die Göttinger Wissenschaftler, dass bis 2050 die landwirtschaftliche Produktion um 60 bis 100 Prozent steigen muss, denn eine Veränderung des Lebensstils sei unrealistisch.

Die Ertragsunterschiede

Bio könne das nicht bewerkstelligen, weil es zu wenig Ertrag pro Hektar bringt. Als Beispiel nennen sie, dass konventioneller Getreideanbau um bis zu 50 Prozent höhere Erträge erwirtschaftet als Bio. Die Ursache dafür ist, dass Bio gegenüber Schädlingen viel anfälliger ist, weil keine synthetischen Pestizide und gentechnisch veränderte Organismen benutzt werden dürfen.

Nahaufnahme von Weizen, Kornblume und MargeritenDieser vermeintliche Vorteil könnte aber baldigst dahinschmelzen. Unkräuter und Schädlinge bilden vielfach Resistenzen gegenüber GVOs und Pestiziden aus und die Agrochemie entwickelt nicht schnell genug neue Wirkstoffe oder GVOs. Die Chemiekonzerne ächzen, dass die Zulassung von Pestiziden vereinfacht werden müsse. De facto ist diese aber schon jetzt zu lasch. Zwar werden Wirkstoffe ausführlich getestet, nicht aber die Kombination mehrerer. Ein Wirkstoff wird niemals rein verkauft, sondern in einem Produkt mit anderen Chemikalien kombiniert. Außerdem wenden Landwirte auf ihren Flächen selten nur ein Pestizid an. Die Auswirkungen und Risiken sind schwer abschätzbar, aber zum Beispiel am Artenschwund deutlich zu beobachten, an Katastrophen wie DDT oder den entsetzlichen Folgen von Neonikotinoiden für Bienen und andere Tiere.

Noch hinzukommt, dass die Landdegradierung und der Verlust an gesunden Böden ein kritisches Level überschritten hat und dadurch schon jetzt die Existenzgrundlage von 3,2 Milliarden Menschen gefährdet ist. Die weltweite Erntemenge wird in den nächsten 30 Jahren um durchschnittlich 10 Prozent abnehmen, mancherorts mehr, mancherorts weniger. In vielen Regionen trägt bewiesenermaßen die Schuld daran die gierige Landwirtschaft (Berichte von IPBES).

Die konventionelle Landwirtschaft stößt überall an die Grenzen der Natur. Davon auszugehen, dass sie in 32 Jahren noch in gleicher Weise wie heute betrieben werden kann, ist eine wissenschaftlich falsche Annahme.

Ist Bio besser?

Meemken und Qaim streichen in der Öffentlichkeit gerne hervor, dass Bio umweltschädlicher in Bezug auf den Ertrag ist. Erstaunlich ist dann jedoch, dass in den Unterkapiteln der Studie ein völlig anderer Eindruck entsteht:

Deutlich besser ist Bio bei der Wasserverfügbarkeit und -nutzung. Böden, wo auf die Erhaltung des Bodenlebens und von Humus geachtet wird, speichern mehr Wasser und nehmen es schneller auf. Bei Trockenheit zeigt die Bio-Landwirtschaft daher höhere Ertragsstabilität. Im Hinblick auf den Klimawandel, wo extreme Wetterereignisse, Dürren und Überschwemmungen zunehmen werden, sollten wir uns unbedingt auf Landwirtschaftssysteme mit hoher Trockenstabilität und gesunden Böden konzentrieren.

Auch belastet die Bio-Landwirtschaft durch den Verzicht auf synthetische Pestizide und Mineraldünger die Umwelt mit weniger Chemikalien. Ebenso sind die Treibhausgas-Emissionen und der Energieverbrauch geringer. Auch weil biologisch bewirtschaftete Böden mehr CO2 binden.

Bodenqualität und Biodiversität ist in der Bio-Landwirtschaft ebenfalls besser. Nicht jedoch, argumentiert die Studie, wenn mehr Wälder wegen der Umstellung auf Bio gerodet und zu Ackerland umgewandelt werden müssten. Eine neue Publikation vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) liefert hierfür bereits eine Lösung, dazu später mehr.

Einzig die Ammoniakemissionen und Auswaschung von Stickstoff, was das Gleichgewicht von Ökosystemen stören kann, sind bei Bio in Bezug auf den Ertrag höher. Schuld daran sei die kompliziere Ausbringung von organischen Düngern in der Bio-Landwirtschaft. Da der Industriedünger, dessen Herstellung unglaublicherweise die Hälfte des Energieverbrauches der modernen Landwirtschaft ausmacht, keine echte Alternative darstellt, ist die korrekte Ausbringung des organischen Düngers eine Herausforderung, der sich die biologische Landwirtschaft stellen wird müssen. Nicht vergessen darf man weiters, dass die Bio-Landwirtschaft weniger in den natürlichen Stickstoffkreislauf eingreift. Die positiven Auswirkungen dessen sind aufgrund der hohen Komplexität von Stoffkreisläufen nicht gänzlich abschätzbar.

Kann Bio die Welt ernähren?

Nun aber zum Totschlagargument der zwei Agrarwissenschaftler gegen Bio: Die Rodung von Flächen und die Umwandlung zu Äckern zerstört Biodiversität und würde die Bio-Landwirtschaft umweltschädlicher als konventionelle machen. Diese Annahme ist richtig. Der Mensch nutzt schon heute zu viel Land. Weitere Landnutzungsänderung muss daher unter allen Umständen verhindert werden. Ist also eine Variante möglich, wo kaum zusätzliche Flächen nötig wären, obwohl auf Bio umgestellt wird?

Dieses Jahr wurde die Studie „Strategien um die Welt nachhaltiger mit biologischer Landwirtschaft zu ernähren” vom FiBL veröffentlicht. Auch sie weiß ob der Herausforderung der biologischen Landwirtschaft bei Fläche und Düngung, der Ausgang der Studie ist jedoch ein anderer. Die völlige Umstellung der Landwirtschaft auf Bio und die Ernährung von 9 Milliarden Menschen ist möglich, wenn sie mit einer Reduzierung des Fleischkonsums und der Lebensmittelverschwendung einhergeht. Angesichts des Tierleids in der Massentierhaltung und der verwerflichen Vergeudung von Nahrung, ist dieser Weg auch der ethisch korrekte. Auf diese Art und Weise wäre die biologische Ernährung auch die umweltfreundlichere Variante im Vergleich zur konventionellen.

Negative Auswirkungen werden zunehmen

Sowohl die Studie der Universität Göttingen, als auch die des FiBL kommen jedoch zu dem Schluss, dass die Ressourcennutzung und die negativen Auswirkungen auf den Planeten zunehmen werden, wenn 2 bis 3 Milliarden mehr Menschen den Planeten bevölkern, egal ob diese konventionell oder biologisch ernährt werden.

Das FiBL errechnet hier, dass die landwirtschaftlichen Treibhausgas-Emissionen, selbst wenn gänzlich auf Bio umgestellt wird, bis 2050 um mindestens 8-12 Prozent ansteigen werden. Und das Anbetracht dessen, dass schon jetzt die Landwirtschaft bzw. Lebensmittelproduktion ca. ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen ausmacht. Die steigende Umweltbelastung durch die wachsende Bevölkerung ist durch Bio-Landwirtschaft nicht wettzumachen.

Herausforderung für die Landwirtschaft

Echte Lösungen bieten beide Studien leider nicht. Denn eines wird klar, wenn man sich die Ergebnisse ansieht: Die Landwirtschaft muss sich weiterentwickeln, wenn 9 Milliarden Menschen nachhaltig versorgt werden sollen.

Wurde in den letzten Jahrzehnten massiv in der konventionellen Landwirtschaft geforscht, investiert und optimiert, steckte Bio lange in der Nische fest und hat einiges an Aufholbedarf. Beispielsweise existieren kaum Züchtungen für den Bio-Bereich. Derzeit werden größtenteils konventionelles Saatgut und konventionelle Sorten eingesetzt. Hier besteht ein großes Potenzial zur Ertragssteigerung.

Äpfel und andere PflanzenAuch die Landwirtschaftspraktiken sollten weiterentwickelt werden. Ideen und Konzepte wie Verzicht auf Pflügen, Agroforstsysteme, wo Baumreihen mit Ackerfrüchten kombiniert werden, oder Milpa, die schon die Mayas betrieben haben, wo etwa Mais, Bohne und Kürbis gemeinsam gepflanzt werden, verdienen mehr Beachtung. Sowohl Systeme der Vergangenheit, als auch neue Ansätze müssen erforscht werden. Denn sicher ist, dass die industrielle Landwirtschaft keine Option für die Zukunft ist, da sie ist vielerorts für gravierende Umweltprobleme, wie Landdegradation, Biodiversitätsverlust, Wasserverschmutzung und Klimawandel verantwortlich ist. Sie kann uns nicht weiter alle ernähren, wenn sie die eigene Grundlage in diesem Ausmaß zerstört.

Wir müssen uns von dieser Arbeitsweise abwenden, wo wir wissen, dass sie im Scheitern begriffen ist, und alle Energie in neue Lösungen stecken. Die biologische Landwirtschaft ist auf jeden Fall ein Baustein bei der Erreichung einer nachhaltigen Ernährung der Menschheit, selbst wenn sie sich noch einigen Herausforderungen stellen muss.

Freundlich lächelnde Frau mit dunklem langen HaarÜber die Autorin

Dr. Isabell Riedl ist seit 2012 als Nachhaltigkeitsbeauftragte und in der Kommunikation der Werner Lampert GmbH tätig. Sie studierte Ökologie mit Schwerpunkt Natur- und Landschaftsschutz und Tropenökologie an der Universität Wien. Ihre Dissertation verfasste sie über die Bedeutung von Baumreihen in landwirtschaftlichen Gebieten für Waldvögel in Costa Rica. Zeit ihres Lebens hat sie sich insbesondere der ökologischen Nachhaltigkeit verschrieben. Sie ist Teil des Redaktionsteam des Online-Magazins „Nachhaltigkeit. Neu denken.“

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